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Völlig losgelöst von der Erde

SPD Völlig losgelöst von der Erde

Hochmut ist gefährlich, das wussten schon die alten Römer.

Wenn sie einem erfolgreichen Feldherrn mit einem Triumphzug huldigten, stand hinter dem Geehrten ein Sklave, der ihm ins Ohr flüsterte: „Bedenke, dass du sterblich bist!“ Man wollte so den Feldherrn davor bewahren, sich im Rausch des Triumphes für einen Gott zu halten. Sklaven gibt es im Willy-Brandt-Haus zum Glück nicht. Aber man hätte SPD-Chef Martin Schulz einen Mitarbeiter gewünscht, der ihn rechtzeitig auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Das hätte ihm den nun drohenden Absturz in die Bedeutungslosigkeit erspart.

Dabei weiß der Buchhändler aus Würselen eigentlich, dass er nicht der Messias ist, als den ihn die Partei im März 2017 gefeiert hat, und schon gar nicht der „Gottkanzler“, als den ihn die Junge Union verspottet hat. Vor seiner politischen Karriere hat er sich von ganz unten emporgearbeitet. Und schon bald nach dem 100-Prozent-Votum hat er Tiefschläge einstecken müssen. Schließlich kam der Absturz der SPD auf 20,5 Prozent bei der Bundestagswahl.

Schulz selbst hatte im Mai ­gesagt, er habe „von Anfang an vor dem Schulz-Hype gewarnt. Ich kann aber nicht ausschließen, dass ich mich selber davon habe beeindrucken lassen.“ Dieser Eindruck muss trotz allem nachhaltig gewirkt haben, sogar über die verlorene Wahl hinaus. Nur so lässt sich sein unkluges Verhalten erklären.

Schulz trifft zwar nur geringe Schuld am desolaten Zustand der SPD. Er hat weder die Agenda 2010 verbrochen noch die SPD in die Regierung von Angela Merkel geführt. Er kann auch nichts dafür, dass es in der Partei seit Jahrzehnten eine Kultur von Selbstzerfleischung und Intrigen gibt. Sogar sein Zerwürfnis mit Sigmar Gabriel steht in der sozialdemokratischen Tradition gescheiterter Männerfreundschaften - von Herbert Wehner und Willy Brandt bis Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine. Man darf Schulz auch nicht vorwerfen, dass er nach der Wahl in die Opposition gehen wollte und dann doch eingelenkt hat. Nach dem Jamaika-Aus mussten die Sozialdemokraten Verantwortung übernehmen. Das ist kein Wortbruch. Aber sein Wunsch, doch noch Minister zu werden, war es.

Der Noch-Parteichef muss in den vergangenen Tagen offensichtlich wie im Raumschiff gelebt haben - völlig losgelöst von der Erde. Hätte er eine Zeitung gelesen, bei Facebook gesurft oder mit einfachen Genossen gesprochen, dann wäre ihm das verheerende Echo seines Karrierewunsches nicht entgangen. Nun muss er unter massivem öffentlichem Druck zu Kreuze kriechen. Aus dem strahlenden Kandidaten und dem aus sozialdemokratischer Sicht sehr erfolgreichen Verhandler ist ein tragischer Held geworden. Hochmut kommt vor dem Fall.

von Stefan Dietrich

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