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Pulverfass im Orient

Syrien Pulverfass im Orient

Es ist die Summe der für sich genommen kleinen Nadel­stiche, die den türkisch-syrischen Konflikt immer weiter eskalieren lässt. Bis hin zu einem offenen Krieg.

Dass syrische Granaten in der Türkei Zivilisten töteten, hat Ankara mit Artillerieangriffen auf syrisches Gebiet beantwortet. Dann wurde eine syrische Maschine, die offenbar militärisch einsetzbares Gerät an Bord hatte, auf dem Flug von Moskau nach Damaskus in der Türkei zum Landen gezwungen. Das Assad-Regime antwortete nun seinerseits mit einem Überflugverbot für türkische Flugzeuge, obwohl die längst einen Bogen um Syrien machen. Sowohl Ankara als auch Damaskus häufen derzeit besorgniserregend viel Pulver auf - und beide hantieren mit brennenden Lunten.

Allerdings sind die Spannungen und das Säbelrasseln im vorderen Orient nicht irgendein regionaler Konflikt, sondern eine Auseinandersetzung mit erheblicher internatio­naler Brisanz. Sie berühren direkt die westliche Verteidigungsallianz, die der Türkei im Bündnisfall beistehen müsste. Barack Obama, der in den USA um seine Wiederwahl kämpft und bereits das Iran-Problem am Hals hat, käme eine militärische Aktion gegen das Assad-Regime jetzt denkbar ungelegen. Statt offen gegen den Diktator Bassar al-Assad einzuschreiten, der skrupellos seine Armee gegen Aufständische vorgehen lässt, unterstützt Washington die Rebellen mit Technik. Genau wie die Türkei, die außerdem noch zehntausende syrische Flüchtlinge aufgenommen hat. Ein Eingreifen von Nato-Staaten wie vor über einem Jahr in Libyen wird und soll es nicht geben. Nicht nur, weil das Mullah-Regime im Iran unverbrüchlich zu Assad hält und ihn mit Waffen aufpäppelt, sondern auch wegen Russland und China, die den blutigen Diktator immer noch nicht fallen lassen wollen.

Die Situation schreit nach einer diplomatischen Lösung, um einen Krieg noch zu verhindern. Doch bisher treten die Moderatoren auf der Stelle. Die Appelle zur Besonnenheit zeigten noch keinerlei Wirkung. Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn es den Diplomaten gelänge, die militante Rhetorik in Ankara und Damaskus herunterzuschrauben und weitere Nadelstiche zu verhindern.

von Reinhard Zweigler

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