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Jens Spahn und das wahre Leben

Hartz IV Jens Spahn und das wahre Leben

Lieber Jens Spahn, man muss Ihnen wohl Ihre Ahnungslosigkeit zugute halten. Vermutlich mussten Sie noch nie von 416 Euro im Monat leben - so viel beträgt derzeit der Hartz-IV-Satz für Alleinstehende.

Falls doch, dann haben Sie es längst vergessen in den 16 Jahren, in denen Sie auf Ihrem weichen Sessel im Bundestag saßen und jeden Monat Diäten bekamen - derzeit 9541,74 Euro, ungefähr das 23-Fache des Hartz-IV-Satzes. Künftig, als Bundesgesundheitsminister, wird es Ihnen sogar noch besser gehen. Herzlichen Glückwunsch! Wer so wenig vom wahren Leben versteht wie Sie, der will gewiss keinen Hartz-IV-Empfänger verhöhnen, wenn er sagt: „Hartz IV bedeutet nicht Armut, sondern ist die Antwort unserer Solidargemeinschaft auf Armut. Diese Grundsicherung ist aktive Armutsbekämpfung!“ Nein, es ist sicher bloß dumm, wenn Sie meinen: „Damit hat jeder das, was er zum Leben braucht.“

Vermutlich haben Sie auch nie eine Tafel besucht und mit Bedürftigen gesprochen, die dort Lebensmittel erhalten. Hätten Sie einmal von wenigen hundert Euro im Monat leben müssen - wie ich in meinem Studium und einige Monate danach -, dann wüssten Sie: Ja, tatsächlich muss man davon zwar nicht verhungern. Aber es reicht auch nicht wirklich zum Leben. Sie verstünden dann die Klienten der Tafel, wenn Sie mit Ihnen sprächen - so wie ich das vor Jahren für eine Reportage getan habe. Die wollen eben nicht nur von Toastbrot, Nudeln und Haferflocken leben, sondern auch Gemüse, Fleisch und etwas Süßes auf den Tisch bringen. Vor allem, wenn sie Kinder haben. Für deren Ernährung sieht Hartz IV nur 2,70 Euro pro Tag vor. Ich weiß nicht, wie viel Sie als Kind gegessen haben. Mich hätten meine Eltern mit 2,70 Euro definitiv nicht satt gekriegt.

Deshalb stimmt Ihre Aussage einfach nicht, Herr Spahn: Hartz IV ist keine Armutsbekämpfung! Wer Hartz IV bekommt, bleibt arm. Und vielen Menschen reicht es auch nicht zum Leben. Daher gehen so viele zu den Tafeln oder sammeln Pfandflaschen. Und daher stellen die Energieversorger jedes Jahr hunderttausenden Haushalten den Strom ab, die ihre Rechnungen nicht bezahlen können.

Natürlich soll Hartz IV kein Gehalt ersetzen. Arbeit muss sich lohnen. Die große Koali­tion müsste aber zumindest einige Punkte verbessern. Die Sätze für Kinder sind zu niedrig. Und Sanktionen für Arbeitslose dürfen nicht dazu führen, dass jemand die Wohnung verliert.

„Wir dürfen nicht vergessen, dass andere über ihre Steuern diese Leistungen bezahlen“, sagen Sie, der selbsternannte Retter der Konservativen. Aber Sie sollten nicht vergessen, dass auch Sie aus Steuern bezahlt werden. Mit dem kleinen Unterschied, dass Sie davon richtig gut leben können.

von Stefan Dietrich

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