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Israels Stärke, Israels Schwäche

Nahostkonflikt Israels Stärke, Israels Schwäche

Die Toten vom "Marsch der Rückkehr" waren Terroristen. Das stand für Israels Armee fest, nur kurz nachdem ihre Soldaten an der Mauer zum Gazastreifen das Feuer auf palästinensische Demonstranten eröffnet hatten.

Die führten, so weit bekannt, weder Granaten noch Sprengstoffgürtel bei sich. So fragt sich jetzt der kritische Teil der israelischen Öffentlichkeit, was einen Protestierer von einem Terroristen unterscheidet.

Doch Israels Regierung und Armeeführung ficht das nicht an. Beide lehnen sie strengere Vorgaben für den Einsatz von scharfer Munition bei dem noch einige Wochen währenden „Marsch der Rückkehr“ in Gaza ab. Auch weisen sie Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchung der Tötungen vom Wochenende zurück. Nicht nötig, findet Premier Benjamin Netanjahu und lobt Israels Armee als „moralischste Streitmacht der Welt“. Alles wird beiseite gewischt, was deren Überlegenheit und Stärke in Zweifel ziehen könnte. Doch im Gaza-Konflikt könnte sich die militärische Stärke Israels auf unverhoffte Weise zugleich als Schwäche erweisen.

Israels Armee weiß Raketen in der Luft und Bombenleger in Tunnelschächten abzufangen. Aber kann sie auch mit friedlichem Protest umgehen?

Um keine falschen Hoffnungen zu nähren: Die seit zehn Jahren in Gaza herrschende radikalislamische Hamas ist nicht geläutert. Weder erkennen ihre Spitzen das Existenzrecht Israels an, noch schwören sie der Gewalt ab. Doch vieles ist heute anders als noch vor vier Jahren, als die Hamas Raketen nach Israel schickte und damit ein verheerendes Bombardement ihres Gebiets provozierte. An den Schäden leiden die auf dem abgeriegelten Landstrich zusammengepferchten rund zwei Millionen Menschen bis heute: kein sauberes Wasser, wenige Stunden am Tag Strom, schlechte medizinische Versorgung, kaum Bildung, null Perspektiven.

Der Frust über die Führung in Gaza ist groß, und auch im Ausland hat die Hamas neben dem türkischen Präsidenten Erdogan kaum noch Verbündete. Zudem ist die Strategie, Krieger über Tunnel nach Israel zu schleusen, an Israels gewaltiger, tief im Erdreich verankerter Mauer abgeprallt.

Die Hamas hat derzeit keinerlei militärische Option gegen Israel, also unterstützt sie den friedlichen „Marsch der Rückkehr“. Er könnte ihr nutzen. Denn Israels Strategen drohen zu übersehen: Jeder von einer israelischen Kugel getötete Palästinenser spielt den Radikalen in die Hände.

So sind die verstörenden Bilder von Scharfschützen, die auf Zivilisten im Sand feuern, letztlich auch Ausdruck des Unvermögens: Israel weiß keine Antwort auf die Frage, wie Israelis und Palästinenser eines Tages in Würde und Frieden mit- oder zumindest nebeneinander leben könnten.

von Marina Kormbaki

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