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Große Erwartungen

Medienlandschaft Große Erwartungen

Wenn die deutschen Zeitungsverleger zu ihrem Jahreskongress zusammenkommen, haben sie meist Grund zum Klagen.

Zum einen wird die Leserschaft weniger und mit ihr die Erlöse - und an immer mehr Fronten droht Konkurrenz. Die öffentlich-rechtlichen Sender stellen zudem mit ihren kostenlosen regionalen Angeboten im Internet eine ernsthafte Konkurrenz zu privatwirtschaftlichen Verlagen dar. Und dann rüsten Kommunen noch zunehmend ihre PR-Abteilungen auf und verteilen ihre Inhalte zunehmend ohne Umwege über die früher dafür unverzichtbare Presse. Eine Vertrauenskrise, die vor allem von „Lügenpresse“-Rufern befeuert wird, ­hinterlässt ebenfalls Spuren. Viele, die heute lieber „alternativen“ Medien glauben (und damit oft „alternativen Fakten“), waren vorher zahlende Zeitungsleser.

Dies alles bedroht die traditionelle Printmedienlandschaft. Doch man muss genau unterscheiden, wo Konkurrenz unfair wird, wo sie aus gesellschaftspolitischer Sicht auszuhalten sein muss und an welcher Stelle Probleme vielleicht hausgemacht sind.

Das breite Online-Angebot von GEZ-finanzierten Rundfunk- und Fernsehsendern ist für Verlagshäuser, die ihre Budgets für guten Journalismus erst erwirtschaften müssen, natürlich ein Problem. Aus Sicht der Gebührenzahler, und das sind wir fast alle, ist jedoch nicht einzusehen, warum von uns bezahlte Ergebnisse öffentlich-rechtlicher Recherche nicht auch dauerhaft online stehen sollten.

Wenn Kommunen, Polizei und Feuerwehr ihre Informationen inzwischen häufiger direkt (und professioneller aufgemacht als früher) über Amtsblätter, Internetseiten und soziale Medien an die Bürger senden, ist dagegen dann nichts zu sagen, wenn sie Medien den gleichen Zugang gewähren und sich nicht als Konkurrenten auf dem Werbemarkt positionieren.

Zur Wahrheit gehört aber auch das Hinterfragen der ­eigenen Rolle - im Wissen, dass journalistische Qualität unmittelbar davon abhängt, wie viel man dafür auszugeben bereit ist. Das gilt für ­Leser und Zeitung. Wenn einer spart, hat das Folgen für den anderen. Wenn weniger ­Menschen für journalistische ­Inhalte bezahlen wollen, muss da gekürzt werden, wo man journalistische Inhalte eigentlich verbessern könnte - in Redaktionen. Wenn in Redaktionen gespart wird, macht das Leser selten zufriedener. Ein Teufelskreis, den noch niemand so richtig durchbrechen konnte. Gelingen wird das nur, wenn Leser und ­Verlage Erwartungen und ­Angebote besser in Übereinstimmung bringen. Dies braucht beide Seiten. Und es hat viel damit zu tun, den Wert journalistisch eingeordneter Nachrichten gegenüber dem ungefiltert-unübersichtlichem Informationsstrom richtig (ein)schätzen zu können.

von Michael Agricola

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Von Redakteur Carsten Beckmann