Volltextsuche über das Angebot:

31 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Große Erwartungen

Gauck Große Erwartungen

Die Art, wie ein Bundespräsident sich einmischt, wie er auf den Zusammenhalt einer Gesellschaft achtet, wie verbindlich er redet und wie verträglich er repräsentiert, ist nicht maßgeblich für den Bestand unseres Staates.

Voriger Artikel
Nordrhein-Westfalen
Nächster Artikel
Nicht alles annehmen

Sie ist nicht einmal entscheidend für den Rückhalt der Demokratie in der Bevölkerung. So wichtig ist das Amt nun auch wieder nicht, egal ob es von Köhler beleidigt beiseite geschoben, von Wulff wenig ehrenvoll verwaltet wurde. Oder ob es von Joachim Gauck dazu genutzt würde, sich selbst und andere daran zu berauschen, wie gut einer, der es bei der Kirche gelernt hat, über Angst, Freiheit und die Bürgergesellschaft spricht. Es wäre schon viel gewonnen, hielte Gauck fünf Jahre durch. Es ist nicht beliebig oft wiederholbar, dass sich Amtsinhaber wichtiger nehmen als den ihnen erteilten Auftrag. Sein Auftakt im Amt lässt hoffen, dass die Mitmach-Demokratie neu ins Zentrum rückt.

Einem wie Gauck, der keiner Partei verpflichtet ist, aber deshalb nicht unparteiisch zu sein braucht, stehen alle präsidentiellen Chancen offen. Er besitzt die Gabe der wunderbaren Rede. Er gefällt den Wessis mehr als den Ossis und er kann, ganz anders als die emotionsarme Landsfrau Angela Merkel, das ostdeutsche Reservat hoch erhobenen Hauptes verlassen, um für die heutige Bundesrepublik zu werben. Dazu gehört nur ein wenig Realismus: Freiheit reicht nicht, die soziale Frage hängt an ihr, Integration ist wichtiger als der Mut, dagegen zu sein.

Gauck wäre, will er es denn, ein sich selbst mögender gesamtdeutscher Repräsentant des neuen Deutschlands. Dazu bräuchte er nicht viel anders zu sein als bisher. Es gibt großen Bedarf an einem klugen deutschen Geschichtenerzähler. Die Frage ist nur: Verfügt Gauck über die notwendige Durchhaltefähigkeit, läuft er womöglich Gefahr, ganz schnell den glatten Polit-Sprech zu lernen, der gut klingt, aber kaum etwas beinhaltet? Und schließlich: Ein Teil der medialen Öffentlichkeit sollte aufhören so zu tun, als hätte sie das Mandat, staatsanwaltlich zu plädieren, stellvertretend für die Wählerschaft zu entscheiden und grundsätzlich alles besser zu können, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Es gab zum Ende der Ära Wulff zu viele Ausrutscher. Mehr Normalität im Umgang mit Repräsentanten der Demokratie täte uns allen gut. Nicht nur auf Präsident Gauck lasten große Erwartungen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel