Volltextsuche über das Angebot:

30 ° / 9 ° heiter

Navigation:
Entschlossen gegen den Hass

Antisemitismus Entschlossen gegen den Hass

"Wir wenden uns entschlossen gegen Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen", schreibt die Bundeskanzlerin zum 70. Jahrestag der Gründung Israels. Das meint sie sicher sehr ernst. Dennoch zeigt sich in diesen Tagen: Deutschland muss noch entschlossener gegen Antisemitismus kämpfen.

Vermutlich hat Angela Merkel ihr Grußwort formuliert oder formulieren lassen, ehe der antisemitische Angriff in Berlin das Land schockierte. Aber die brutale Attacke auf einen Mann mit jüdischer Kopfbedeckung ist leider nur ein weiterer Beleg dafür: Deutschland hat ein Antisemitismus-Problem. Nach ­Angaben von jüdischen Organisationen gibt es in der Bundesrepublik fast jede Woche Angriffe und Anfeindungen gegen Juden. Außenminister Heiko Maas hat Recht: „Solange jüdische Schulen und die Synagogen in Deutschland von der Polizei geschützt ­werden müssen, solange junge Männer auf offener Straße verprügelt werden, nur weil sie eine Kippa tragen, und ­solange Preise für judenfeindliche Provokationen verliehen werden, ist das beschämend.“

Die Verleihung des Musikpreises Echo für ein Album mit antisemitischen Texten zeigt etwas Erschreckendes: Hunderttausende Menschen in Deutschland hören und kaufen antisemitische Lieder. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung ist offen für Judenfeindlichkeit. Diese Tatsache darf man nicht ignorieren. Genauso wenig wie die Aussage des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, ­Felix Klein: „Judenhass hat auch ein hässliches islamistisches ­Gesicht und kann auch einen muslimischen Hintergrund haben.“ Allerdings existiert auch in der deutschen Bevölkerungsmehrheit Judenfeindlichkeit - dies darf man genauso wenig leugnen. Es gibt verschiedene Formen von Antisemitismus und Rassismus, aber alle sind inakzeptabel.

Der Kampf gegen solche menschenfeindlichen Haltungen geht nicht nur Polizei und Justiz an, sondern uns alle, die gesamte Gesellschaft. Er ist auch nicht damit zu gewinnen, dass die Bundesregierung regelmäßig betont: „Das Existenzrecht Israels ist deutsche Staatsräson.“ Dieser Satz ist zwar richtig, aber er kommt nicht bei denen an, die ­Hetzern auf den Leim gehen. Er setzt zu viel an historischen Kenntnissen voraus.

Menschenfeindliche Haltungen lassen sich nur durch Bildung zurückdrängen. Dass die Menschenwürde der zentrale Wert unseres Grundgesetzes ist, ist die Konsequenz der schrecklichen Erfahrung der Nazi-Zeit. Diese Geschichte muss allen vermittelt werden - Jugendlichen im Geschichtsunterricht und Migranten in Integrationskursen. Und zwar möglichst früh, bevor Extremisten ihre Saat ausstreuen können. So wendet man sich wirklich entschlossen gegen den Hass.

von Stefan Dietrich

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Der politische Kommentar
Von Redakteur Michael Agricola