Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Der politische Kommentar Elementarschaden für die Truppe
Mehr OP extra Kommentare Meinung Der politische Kommentar Elementarschaden für die Truppe
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:05 01.05.2017

Die Bundeswehr hat keine Probleme mit Flachbildschirmen in den Soldatenstuben. Das und vieles mehr hat die amtierende Ministerin ratzfatz geregelt. Ursula von der Leyen ist clever, blitzschnell und beherrscht die Vorwärtsverteidigung, auch aus der Deckung heraus. Ihre politischen Verwendungsstationen auf Landes- und Bundesebene sind voller Erfolge: Das Landesblindengeld in Niedersachsen wurde gestrichen, das Elterngeld bundesweit aufgelegt, die Wehrpflicht für politisch tot erklärt. Für die CDU von heute ist Frau von der Leyen eine beinahe unverzichtbare Werbeikone: Sie fällt auf, geht rechtzeitig, strebt unabgesprochen nach vorn und will Karriere machen.

Nun aber ist die Zeit der leichten Treffer vorbei. Franco A., ein Offizier, dem Terror­nähe, eine „Todesliste“ und Rechtsextremismus als Verdacht anhaften, ist ein Elementarschaden. Aber der Fall reiht sich ein in eine lange Liste: Ekelhafte Ausbildungsrituale, sexuelle Übergriffe, Beschaffungsstau, dienstuntaugliche Gerätschaften sind einige Stichworte. In keinem Fall fehlt es an schnellen Sätzen der Ministerin. Die nachhaltige Lösung lässt auf sich warten.

Die Bundeswehr hat ein Haltungs- und Strukturproblem. Es mangelt bei manchen in der Truppe an der richtigen Leitkultur. Das war und ist das Prinzip der Inneren Führung. Und das beschränkt sich eben nicht auf gelegentliches radikales Durchgreifen von oben, sondern es setzt Mut zum inneren Widerspruch an der Basis zwingend voraus. Offenkundig gibt es keine stimmige Führungskultur von oben nach unten und umgekehrt.

Skandale bleiben in einer Großorganisation wie der Bundeswehr nicht aus. Aber die Ministerin darf nicht schon wieder die bei ihr angesiedelte Gesamtverantwortung so hinbiegen, dass sie einige Unterlinge schasst, Wissenschaftler analysieren lässt und sich selbst mit einem forschen ZDF-Interview in Sicherheit bringt. Es gibt Führungspersonal in der Bundeswehr, das Vertuschen und Wegducken für eine Überlebenstugend hält. Das lässt auf mangelnde demokratische Kontrolle schließen, aber eben auch auf einen teilweise falschen Geist in der Truppe. Die Antwort kann nicht lauten, dass zukünftig Anschwärzen und Denunziation im Eiltempo davor schützen, die eigene Karriere zu verspielen und den Ungeist zu tilgen.

Mit dem Wegfall der Wehrpflicht hat die Bundeswehr ihr Wesen verändert. In den Kasernen ist nicht mehr automatisch ein Abbild der Gesellschaft zu finden. Damit fehlt auch ein Stück Selbstkontrolle. Es fühlen sich auch Menschen angezogen, die nicht von der Leyens Verständnis von den Besten der Besten entsprechen. Diesem Problem muss sich die Ministerin endlich stellen.

von Dieter Wonka

Anzeige