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Eine Ablenkung zur rechten Zeit

Giftanschlag Eine Ablenkung zur rechten Zeit

Wer hat den Ex-Agenten Sergej Skripal und seine Tochter vergiftet und skrupellos weitere unbeteiligte Menschen gefährdet? Diese Frage stellt man sich nicht nur in Großbritannien. Eine Antwort gibt es bisher nicht - der oder die Täter sind unbekannt.

Für die Briten, aber auch für viele in den anderen westlichen Staaten steht fest, dass Russland dahinter stecken muss. Dafür gibt es Hinweise: ein missliebiger Russe als Opfer, Ähnlichkeiten zum Fall Alexander Litwinenko und das verwendete Nervengas, das offenbar aus sowjetischer Produktion stammt.

Beweise sind das nach allem, was wir wissen, noch nicht. Schließlich ist mit dem Zerfall der Sowjetunion vieles in andere Hände geraten, von Waffen bis zu radioaktivem Material. Der Fall unterscheidet sich auch von dem Litwinenkos, der in England ein lautstarker Kritiker Putins war, während über Skripal nichts dergleichen bekannt ist. Die entscheidende Frage ist folglich die nach dem Motiv. Wieso soll ein vor Jahren im Agentenaustausch von Russland freigegebener Mann ausgerechnet jetzt sterben?

Die britische Regierung hält sich mit dieser Frage nicht auf. Sie eröffnet das verbale Feuer auf den Kreml nicht ohne Grund so schnell. Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich gibt es einen begründeten Verdacht, der nach Moskau weist. Aber man sollte auch im Auge behalten, wem der Anschlag in Salisbury nutzt. Auch wenn er um seine Wiederwahl nicht fürchten muss, sind für Putin derlei Schlagzeilen wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl zumindest nicht hilfreich. Dass er einen so deutlich auf Russland verweisenden Mord im Ausland ausgerechnet jetzt befehlen würde, wäre nur plausibel, wenn Skripal eine Gefahr für den Kreml gewesen wäre - bisher reine Spekulation.

Nein, von der verschärften diplomatischen Eiszeit profitieren vor allem Hardliner und Propagandisten in Ost und West. Und die britische Regierung. Theresa May macht sich die Tat geschickt zunutze, um von ihrer verzweifelten innenpolitischen Lage und dem Chaos rund um den Brexit abzulenken. Sie versucht, das Land durch die Beschwörung einer „russischen Gefahr“ hinter sich zu versammeln. Besser wäre es, die Ermittler erst ihre Arbeit machen zu lassen. Doch die Verlockung, schnell politisches Kapital aus der Tat zu schlagen, war wohl zu groß.

von Michael Agricola

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Von Redakteur Michael Agricola