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Die Opfer gehören in den Mittelpunkt

Terroranschlag Die Opfer gehören in den Mittelpunkt

Am kommenden Dienstag jährt sich der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin zum ersten Mal.

Für die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden der Lkw-Attacke ist dies endlich eine Chance, darauf aufmerksam zu machen, was beim Thema Opferschutz faul ist im Staate Deutschland. Denn wir kennen zwar gefühlt alle Einzelheiten vom Leben und Sterben des Attentäters Anis A. Doch wer die Opfer waren, wie die Angehörigen ohne sie weiterleben, mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben - das bleibt meist im Verborgenen. Was den Berliner Anschlag angeht, wird sich dieser Schleier vermutlich in den nächsten Tagen kurzzeitig lüften, die Scheinwerfer ­werden zum Jahrestag auch auf die schwer Verletzten und Hinterbliebenen gerichtet; ähnlich übrigens wie vor dem Loveparade-Prozess.

Doch damit ist es nicht getan. Es ist eine Schande für unser durchreguliertes Land, dass zielgerichtete, schnelle Hilfe ausgerechnet dann zur Glückssache wird, wenn Menschen nach einem traumatischen Ereignis am stärksten Halt, Fürsorge und vielleicht auch kurzfristig materielle Hilfe brauchen. Großen Worten von „unbürokratischer Hilfe“ aus Politikermündern folgt oft nicht mehr viel, wenn Fernsehkameras abgeschaltet und die Journalisten weitergezogen sind. Alleingelassen fühlen sich aber nicht nur die Betroffenen vom Breitscheidplatz. In Vergessenheit geraten schnell auch die Leidtragenden von Sturm- oder Hochwasserereignissen - oder die vielen Opfer „alltäglicher“ Gewalt, die vor Amtsgerichten verhandelt wird. Dort warten dann Täter und Opfer vor der Verhandlung Auge in Auge auf dem Gerichtsflur. Im Saal geht’s dann vorwiegend um den Täter. Und niemand sorgt sich darum, wie das Leben des Opfers weitergeht, wenn das Urteil gesprochen ist.

Unser Staat hat trotz guter (meist auch privater) Hilfsorganisationen wie dem „Weißen Ring“ großen Nachholbedarf im angemessenen Umgang mit Opfern. Dass die Justiz die Täter zur Rechenschaft zieht, ist wichtig. Zur Sühne sollte aber auch die bestmögliche Unterstützung der Geschädigten gehören. ­Damit sich dies ins Bewusstsein aller einbrennt, müssen die Opfer in unserer Gesellschaft allerdings offenbar noch lauter schreien. Leider.

von Michael Agricola

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Von Redakteur Michael Agricola