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Der politische Kommentar Die Gefahr in der Familie
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23:05 15.01.2018

Wie ist es möglich, dass der Junge aus Freiburg mehr als zwei Jahre lang sexuell missbraucht wurde, obwohl das Jugendamt die Familie kannte? Wie konnte es zu der richterlichen Fehlentscheidung kommen, dass der Junge zurück in die Familie gebracht wurde? Warum haben Justiz und Jugendamt nicht regelmäßig kontrollieren lassen, ob sich der vorbestrafte Lebensgefährte der Mutter von dem Kind fernhält?

Diese Fragen müssen Richter, Jugendamt und Ministerien beantworten. Die Aussage des Oberlandesgerichts Karlsruhe, alles sei im Einvernehmen mit dem Jugendamt entschieden worden, ist keine überzeugende Antwort. Es ist der Versuch der Justiz, sich aus der Verantwortung für das Leiden des Kindes zu stehlen.

Der extreme Freiburger Fall zeigt, dass Kontrollen nicht funktionieren. Bundesweit hat es schon viele Fälle gegeben, in denen ein Jugendamt schlimmste Misshandlungen nicht verhindert hat. So wurde im Mai eine Jugendamts-Mitarbeiterin im Sauerland zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil der zweijährige Junge einer von ihr betreuten Familie verhungert war.

Die genauen Gründe für das Justiz- und Behördenversagen im Freiburger Fall sind noch unklar. Es spricht aber viel dafür, dass der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, Recht hat: „Jugendämter brauchen mehr Personal, müssen besser hineinschauen können“, fordert er. Familienrichter müssten entlastet und fortgebildet werden.

Es hat jedoch Gründe, dass Politiker gerne mehr Polizisten versprechen, aber nicht mehr Jugendamts-Mitarbeiter: Wer hat schon gerne mit dem Jugendamt zu tun? Wer will sich ins Privatleben reinreden lassen? Wer will, dass der Staat mehr Geld für „verwahrloste Familien“ ausgibt?

Der Ruf nach härteren Strafen und die Warnung vor bösen fremden Männern hilft vielen Missbrauchsopfern nicht. Die unbequeme Wahrheit ist: Die größte Gefahr droht Kindern im Umfeld, gerade in der Familie. Deshalb müssen Jugendamt, Familienrichter, Verwandte und Lehrer genau hinsehen. Die Jugendämter brauchen neben mehr Personal auch mehr Rückhalt.

von Stefan Dietrich