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Die Allmacht der Algorithmen

Facebook Die Allmacht der Algorithmen

Jedes Mal, wenn unsere durchdigitalisierte Hochglanzwelt hässliche Kratzer bekommt, reagieren wir empört, wütend, frustriert.

Zu Recht, meinen wir und glauben zu wissen, dass nicht wir selbst, sondern die Mark Zuckerbergs dieser Welt die volle Verantwortung dafür tragen, wenn unsere persönlichen Daten abgesaugt werden und damit Schindluder getrieben wird. Wir als individuelle Onlinenutzer sind in der Regel völlig überfordert mit der Aufgabe, unsere Daten gegen Missbrauch zu schützen. Das haben wir deshalb auch aufgegeben und trösten uns mit der Erkenntnis, dass wir ohnehin längst zu gläsernen Bürgerinnen und Bürgern geworden sind. Eine kollektive Kapitulationsstimmung hat sich breitgemacht, die uns zwar noch kurz wütend aufheulen lässt, aber eben keine Konsequenzen zeitigt.

Ist Facebook ja auch irgendwie hoch anzurechnen, dass sie für teures Geld Zeitungsannoncen schalten und bei ihren Nutzerinnen und Nutzern zu Kreuze kriechen, oder? Feiner Kerl, der Zuckerberg, der duzt mich sogar: „Es ist unsere Verantwortung, deine Daten zu schützen.“ Da wird’s einem richtig warm ums Herz, Daumen hoch! Und der kurze, kleingeistige Gedanke, sich aus dem sozialen Netzwerk auf Nimmerwiederliken auszuklinken, ist erst einmal wieder fortgewischt. Man will ja schließlich auch in Zukunft wissen, dass der Nachbar gut auf Kreta angekommen ist, der Hund der Bekannten auf zwei Beinen laufen kann und „The Dark Side Of The Moon“ das ewige Lieblingsalbum der Arbeitskollegin ist. Und das geht eben nur mit Facebook. Suggeriert uns Facebook zumindest. Und lässt uns glauben, dass wir ohne all das geteilte Leben unserer virtuellen Freundinnen und Freunde emotional verarmen und in düstere Offline-Ahnungslosigkeit verfallen.

Sachbücher aus dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wie Peter Schaars „Das Ende der Privatsphäre“ gehören längst zum modernen Antiquariat - oder vielleicht eher schon in die Blaue Tonne. Heute verkaufen sich Titel wie Schlecky Silbersteins „Das Internet muss weg“. Was in einem Jahrzehnt aus dieser jetzt noch provokant klingenden Forderung geworden sein wird - wir wissen es nicht, ahnen aber, ganz diffus, dass es so nicht weitergehen kann. Und weil wir ebenso diffus nur ahnen können, was in den Regieräumen der Digitalgesellschaft getrieben wird, weil wir mehrheitlich keinen blassen Schimmer haben von der Allmacht der Algorithmen, bleibt uns letztlich nur eine Handlungsperspektive, die ganz ähnlich binär getaktet ist wie ein Großteil der uns umgebenden Welt: Ein oder aus, online oder offline, sicher oder riskant, aktiv oder passiv, mündig oder entmündigt, kritisch oder affirmativ, ein oder aus, online oder offline …

von Carsten Beckmann

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