Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Deutschland ist sicherer geworden

Kriminalitätsstatistik Deutschland ist sicherer geworden

Mit Statistiken ist es so ähnlich wie mit dem Thermometer vor dem Küchenfenster. Ein Blick darauf ist sehr nützlich, sofern man versteht, was dort gemessen wird.

Wenn es draußen 20 Grad warm ist, kann man ohne Jacke hinaus gehen. Zeigt das Thermometer morgens nur acht Grad an, widerlegt das aber noch nicht die wissenschaftliche Erkenntnis über die Erderwärmung. Mit derselben Vorsicht sollte man die Kriminalitätsstatistik lesen.

Sie kann überhaupt nicht messen, wie viele Straftaten wirklich geschehen - sondern nur, wie viele der Polizei gemeldet werden. Bei manchen Delikten gibt es eine große Dunkelziffer. Bei anderen steigt die Zahl der Anzeigen, weil mehr Menschen einsehen, dass die Täter bestraft werden müssen. Zeugen schauen dann genauer hin, Opfer trauen sich eher, zur ­Polizei zu gehen, und der Gesetzgeber schließt strafrechtliche Lücken. Ein Beispiel ist die Reform des Sexualstrafrechts im Jahr 2016 nach dem Prinzip „Nein heißt nein“.

Trotzdem ist die Kriminalitätsstatistik ein wichtiger Indikator - so wie das Thermometer. Wenn die Temperatur immer weiter steigt, kommt der Sommer. Und weil die Zahl der Straftaten 2017 auf den niedrigsten Stand seit 25 Jahren gesunken ist, kann Bundesinnenminister Horst Seehofer mit Recht sagen: „Deutschland ist sicherer geworden. Gleichwohl gibt es zur Entwarnung keinen Anlass.“ Auch Letzteres stimmt: Die Jugend- und Internetkriminalität steigt, und selbstverständlich sind 5,76 Millionen Straftaten kein Grund für Regierung, Polizei und Justiz, die Hände in den Schoß zu legen.

Kein vernünftiger Mensch kann aber angesichts dieser Zahlen pauschal behaupten, dass die Kriminalität immer mehr zunimmt. Es ist widersinnig, wenn die AfD-Politikerin Alice Weidel sagt, die Statistik werde „umso rosiger, je schlechter der Rechtsstaat funktioniert“. Im Umkehrschluss müsste sie dann ­steigende Kriminalitätszahlen als gutes Zeichen deuten. Das würde die AfD gewiss nicht tun. Nein, die postfaktische Politikerin Weidel interessiert sich überhaupt nicht für ­Tatsachen, sie verdreht sie nach Belieben, um damit Angst und Hass zu schüren.

Die „gefühlte Sicherheit“ vieler Bürger mag abgenommen haben, aber sie ist wie die „gefühlte Temperatur“ ein unzuverlässiger Messwert. Hier gilt die Feststellung des US-Schriftstellers William Faulkner: „Die Menschen sind heutzutage nicht schlechter, als sie früher waren. Nur die Berichterstattung über ihre Taten ist gründlicher geworden.“

Deutschland ist sicherer geworden. Ein Blick auf die Statistik bewahrt vor Panik und davor, Populisten auf den Leim zu gehen, die mit dem Argument angeblich zunehmender Kriminalität Grundrechte aushöhlen wollen.

von Stefan Dietrich

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Der politische Kommentar