Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Der politische Kommentar Der geniale Mister Trump
Mehr OP extra Kommentare Meinung Der politische Kommentar Der geniale Mister Trump
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:22 07.01.2018

Glaubt er das wirklich? Wenn er es glaubt - muss man sich jetzt ernsthaft Sorgen machen um den Geisteszustand des Präsidenten der Vereinigten Staaten? Und damit um den Zustand der USA insgesamt?

Es geht zunächst um die Worte, die US-Präsident Donald Trump am Sonnabend um 7 Uhr morgens per Twitter in die Welt schickte: „Ich hab’s geschafft vom SEHR erfolgreichen Geschäftsmann zum ­TV-Star zum Präsidenten der USA. Ich denke, das qualifiziert mich nicht nur als schlau, sondern als Genie - und ein sehr stabiles Genie noch dazu.“

Nein, dieser Tweet ist nicht der Witz eines Spötters in einer Late-Night-Show. Dies ist die Reaktion des derzeit mächtigsten Mannes der Welt auf ein frisch veröffentlichtes Buch, in dem er schlecht wegkommt. Auf ein Buch, in dem viele Gegner und manche Verbündete ein sehr ungünstiges Bild von Trump zeichnen: Dass er emotional und mental instabil ist. Dass er den Regierungsapparat nicht versteht. Dass er zu faul ist, sich zu informieren. Dass er gefährlich impulsiv ist. Dass er getrieben ist von unstillbarem Hunger nach Lob.

„Ich bin ein Genie“ - besser als mit dieser unfassbar pubertären Selbstüberschätzung hätte der Präsident seinen Kritikern nicht recht geben können. Wie gespenstisch geht es zu im Weißen Haus, wenn der Außenminister versichern muss, dass die psychische Verfassung des „Commander in Chief“ in Ordnung sei? Trump, sagte Rex Tillerson am ­Wochenende, sei gewählt worden, eben weil er „anders“ sei. Die Frage ist nur, wie viel „anders“ für ein Staatsoberhaupt zu viel „anders“ ist.

Wer in diesen schrillen Momenten Amerikas Verfasstheit verstehen will, sollte einen Schritt zurücktreten: Die Supermacht lässt sich nicht auf eine Person reduzieren.

Aus Sicht der regierenden Republikaner läuft vieles rund. Die Volkswirtschaft brummt, die Arbeitslosenzahl liegt auf einem historischen Tiefstand, an den Börsen ­jubeln die Aktienhändler. Die Steuerreform, die Wohlhabende und Konzerne besserstellt, elektrisiert Unternehmer aus aller Welt. In der Justiz werden zuhauf Kandidaten zu Richtern berufen, die das öffentliche Tragen von Schusswaffen als Ausdruck eines selbstbewussten Bürgertums betrachten. Die Ölindustrie wird ermuntert, selbst die sensibelsten Ökoregionen ins Visier zu nehmen. So entschlossen wie jetzt haben die Konservativen Amerika zuletzt unter Ronald Reagan umgebaut. Ein Großteil der Wähler ist hochzufrieden damit. Ein anderer, stetig wachsender Teil aber fragt sich: Wer regiert dieses Land wirklich? Ist es der größenwahnsinnige Trump? Oder sind es Männer im Hintergrund, die den Frontmann nach Gutdünken tanzen lassen? Keine der beiden Optionen klingt beruhigend.

von Stefan Koch