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Der Blick über den Tellerrand

Große Koalition Der Blick über den Tellerrand

Wer sich hierzulande für einen guten, weltoffenen Demokraten hält, weist in der Regel gern darauf hin, dass Deutschland sich im Kontext Europas, wenn nicht in globalen Zusammenhängen bewegen muss und die Zeiten nationaler Alleingänge ein für allemal passé sein müssen.

Der Blick über den Tellerrand der eigenen Staatsgrenzen hinaus lohnt sich im allgemeinen, und er lohnt sich im Besonderen gerade in diesen Tagen, unmittelbar nach den politischen Geburtswehen, die zumindest schon einmal einen Koalitionsvertrag hervorgebracht haben - wenn auch noch keine neue Regierung. Denn während in Deutschland vermutlich noch bis zum Tag der Kanzlerinnenwahl an der Ausrichtung eines neuen Groko-Bündnisses herumgekrittelt wird, während uns das Geschubse um Kabinettsposten in Atem halten soll, blickt das Ausland von der anderen Seite des Tellerrandes mit einer gänzlich anderen Sicht der Dinge auf die Entwicklungen in Berlin. Es ist dies durchaus keine einheitliche Haltung, kein kollektiver Blickwinkel - bekanntermaßen ist ein Teller rund. Doch die Leitartikler in den Redaktionen zwischen Oslo und Athen, zwischen Paris und Budapest, sie alle zeichnen ein Bild, das zumindest einen gemeinsamen Nenner zu haben scheint: Dem noch ausstehenden SPD-Mitgliederentscheid zum Trotz hält das Ausland es für ausgemachte Sache, dass Merkel und Schulz in der neuen Legislatur das Maß der Dinge sein werden. Ansonsten schlägt das Pendel der medialen Wahrnehmung aus zwischen euphorischer Erwartungshaltung an die neue Bundesregierung und schulterzuckender Resignation. Die Wahrheit, sie liegt vielleicht in der Mitte, oder wie die französischen Kollegen von den „Dernierès Nouvelles d’Alsace“ es formulierten: „Diese dritte große Koalition ist von allen Lösungen die am wenigsten schlechte.“ Klar, dass der osteuropäische Blick auf Deutschland die Flüchtlingspolitik in den Fokus nimmt. Ebenso wenig überraschend ist, dass griechische, italienische und spanische Medien unisono die Hoffnung auf eine weniger rigide Finanzpolitik in der Nach-Schäuble-Ära in den Vordergrund stellen. Und letztlich werteten gestern viele politische Beobachter aus dem Ausland die Ausgestaltung von Koalitionsvertrag und möglichem Kabinett als Stärkung der SPD.

Wie gesagt: Das ist die Außensicht, und zwar die ganz spezielle von Journalisten aus Ländern, in denen in weiten Teilen der Bevölkerung der Blick über den Tellerrand noch weniger ausgeprägt sein mag als in Deutschland. Doch diese Außensicht kann dazu beitragen, ein wenig Druck vom Kessel zu nehmen und sich mit der vielleicht wirklich am wenigsten schlechten aller Lösungen anzufreunden.

von Carsten Beckmann

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