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Luftballons und Wahlprogramme

Straßenwahlkampf Luftballons und Wahlprogramme

Der Marburger Marktplatz ist das Epizentrum des Straßenwahlkampfes in Marburg-Biedenkopf. Die großen Parteien müssen hier Flagge zeigen. Und sie tun es vielleicht auch nur deshalb, weil dies von ihnen erwartet ist.

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Die politische Farbenlehre auf wenigen Quadratmetern: Infostände der Parteien auf dem Marburger Marktplatz.

Quelle: Matthias Mayer

Marburg. Am Samstag meint es das Wetter gut mit den ehrenamtlichen Wahlkämpfern. Die Sonne bescheint den Marktplatz, die bunten Parteischirme bieten einen schönen Kontrast zum Blau des Himmels. Heute dienen sie nicht nur als Blickfang; sie spenden willkommenen Schatten.

Geordnet nach den Wunsch-Koalitionen flattern die Schirme vor dem Marktbrunnen im spätsommerlichen Wind: Links das Orange-Weiß der CDU neben dem Blau-Gelb der FDP, rechts das SPD-Rot neben dem Grün der Bündnisgrünen. Fast symbolhaft steht Die Linke 100 Meter weiter neben dem Sparkassengebäude etwas im Abseits. Doch Nico Biver nennt keinen politischen, sondern einen pragmatischen Grund für die Standortwahl: „Wenn’s regnet, kann man sich hier prima unterstellen.“

Am SPD-Stand kämpft Gabriele Leder mit einer ganzen Traube gasbefüllter Luftballons und dem plötzlich aufgetretenen Kugelschreiber-Mangel. „Die Kulis sind weg. Die wenigen, die wir noch haben, brauchen wir für die Unterschriftenaktion“, informiert sie ihren Mitstreiter. Während sie das sagt, tritt eine junge Frau an den Infostand und nimmt sich ungefragt einige Werbegeschenke. „Viele kommen nur wegen der Werbegeschenke an den Stand, wobei Luftballons der absolute Renner sind“, erklärt Gabriele Leder und schiebt eine überraschende Feststellung nach: „Unser Wahlprogramm wird so intensiv nachgefragt wie nie zuvor.“

In den Gesprächen, die sie mit den Passanten führt, erfährt sie sowohl freundliche Zustimmung für ihre Partei als auch schroffe Ablehnung. Die Vorkommnisse nach der hessischen Landtagswahl 2008 spielten für viele Menschen noch immer eine Rolle. Ihren eigenen Einsatz für die Partei – am Samstag sind es gut vier Stunden – möchte sie nicht überbewertet wissen. „Wir haben heute viele Aktionen und brauchen viel Personal. Es ist gut, dass unsere Jusos so aktiv sind“, sagt sie und entwirrt die Luftballon-Schnüre.

Ballons spielen auch nebenan bei den Grünen eine wichtige Rolle. Lothar Schade verrät, warum: „Hast du die Kinder, hast du auch die Eltern.“ Lothar Schade ist für diese Rolle des Kontaktknüpfers eine Idealbesetzung. Mit seinem Panamahut, dem grasgrünen Polohemd und dem freundlichen Lächeln im Gesicht sieht er Peter Lustig nicht unähnlich. Humor und Lachen sind für ihn die beste Eintrittskarte für Gespräche mit Passanten. Wenn es ihm gelinge, eine gemeinsame Wellenlänge zu seinem Gegenüber aufzubauen, könne er diesem auch seine grünen Überzeugungen näher bringen. „Das klappt nicht immer, wir müssen uns auch einiges anhören“, sagt der Wahlkampfhelfer, der im Laufe der Zeit einen Blick für die Menschen entwickelt hat, die sich für Grünen-Positionen interessieren könnten. Bei diesen wird er auch das Wahlprogramm in Kurzform los, das er stets in den Händen hält: „,Zehn Gründe für Grün’ geht bei uns am besten.“

Nebenan ist Torsten Sawalies – und das kann nun nicht mehr überraschen – damit beschäftigt, gelbe FDP-Luftballons aufzupumpen, während sein Kollege die Flyer mit der Kurzfassung des FDP-Wahlprogramms in die Griffweite der Passanten schiebt. Vor Sawalies und seinen liberalen Mitstreitern steht ein besonders langer Tag. „Wir versuchen immer, länger auszuhalten als alle anderen Parteien und werden erst um 15 oder 16 Uhr abbauen“, sagt Sawalies, der die Belastung für die Helfer seiner zahlenmäßig kleinen Partei nicht gering reden möchte. „Das ist schon anstrengend, aber dafür bekommen wir mehr Motivation durch die guten Umfrageergebnisse und durch die Zustimmung für die FDP, die wir hier am Stand erfahren", sagt Sawalies. Das Image seiner Partei habe sich definitiv verbessert. Während früher die FDP-Wahlkämpfer auf der Straße häufig beschimpft worden seien, hörten die Menschen heute zu, zeigten sich interessiert an den Zielen seiner Partei, sagt der FDP-Kommunalpolitiker.

Stephan Muth gehört zu den 60 Helfern, die die CDU am Samstag an ihren zehn Infoständen in Marburg im Einsatz hat. „Ich bin immer dabei, denn mir macht es richtig Spaß, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen“, sagt er. Sein Rezept? „Blickkontakt aufbauen und immer etwas zum Verteilen in den Händen halten.“ Dabei spielen auch für den Christdemokraten Kinder und Luftballons eine wichtige Rolle. „Kinder können ein Entree zum Gespräch mit den Eltern sein“, sagt Muth, der sich mit den Passanten nicht nur über Politik unterhält und manchmal aus Erzählungen über Alltagsnöte auch Anregungen für seine Arbeit im Stadtparlament bekommt. „Die Resonanz am Stand ist sehr gut. Die Menschen bemängeln allerdings, dass zu wenige Inhalte im Wahlkampf transportiert werden, und sie kritisieren den fehlenden Biss in der politischen Auseinandersetzung“, sagt er und wird von einem Passanten in ein Gespräch über Atommüll-Endlager hineingezogen.

Während CDU-Kandidat Stefan Heck an der Augustinertreppe oberhessische Würste unters Volk bringt und damit seine Schlusskampagne „Es geht um die Wurst“ startet, machen Nico Biver und Sebastian Chwala am Stand der Linken Inventur. Luftballons sind noch reichlich vorhanden, aber von den einst 400 Wahlprogrammen sind nur ganze zwei übrig geblieben. Chwala findet eine Erklärung für den Run auf die sperrigen Schriften, die früher bleischwer auf den Infoständen liegen blieben: „Die Leute haben den Wahl-o-Mat gemacht und die Empfehlung bekommen, Die Linke zu wählen. Dann wollen sie es genau wissen und holen sich bei uns das Wahlprogramm ab.“

Grundsätzlich sei durch die jüngsten Landtagswahlergebnisse und die Umfragewerte das Interesse an seiner Partei deutlich gestiegen, sagt Chwala. Das merkt auch Nico Biver, obwohl wenn er bei seinen Versuchen, auf der Straße Flyer seiner Partei an die Bürger zu verteilen, nicht nur Erfolgserlebnisse hat. „Die Reaktionen reichen von ,haben wir schon’ über ,will nicht nicht’ bis hin zu ,oh ja, sehr gerne.’ Aber je näher die Wahl rückt, um so größer wird das Interesse der Menschen."

Ob sich das Engagement der ehrenamtlichen Helfer auszahlt, zeigt sich erst am 27. September. Für zwei junge Frauen, die am Mittag, die Reste von Heckschen Würsten kauend, Richtung Marktplatz schlendern, hat sich der Tag dagegen schon gelohnt. Eine stellt zufrieden fest: „Die Wurst schmeckt prima und Kulis kann man immer gebrauchen.“

von Matthias Mayer

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