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Rainer Baake sieht Zukunft in erneuerbaren Energien

Das Interview Rainer Baake sieht Zukunft in erneuerbaren Energien

Rainer Baake (Die Grünen) spricht am Mittwochabend in der Marburger Stadthalle über die Energiewende. Die OP sprach mit dem ehemaligen Staatssekretär im Bundesumweltministerium über dieses Thema.

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OP : Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg hat eine Studie zu modernen Atomreaktoren in Auftrag gegeben. Befürchten Sie unter Schwarz-Gelb eine Wende in der Atompolitik um 180 Grad?
Rainer Baake : Das ist erklärtes Ziel von CDU/CSU und FDP. Diese Parteien wollen den Ausstieg aus dem Atomausstieg, und sie werden damit einen Konflikt wiederbeleben, der dieses Land jahrzehntelang gespalten hat, bis er durch den Atomkonsens beigelegt wurde.
OP : Halten Sie das für politisch durchsetzbar? Schließlich lehnt eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung die Atomenergie ab.

Baake : Wir sollten uns in dieser Frage keine Illusionen machen. Wenn Schwarz-Gelb eine Mehrheit im Deutschen Bundestag bekommt, werden sie versuchen, das umzusetzen, was sie in ihren Programmen niedergeschrieben haben: Die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängern. Mit allen Konsequenzen: Mehr Risiken für Mensch und Umwelt, mehr Atommüll, für den es weltweit kein Endlager gibt. Die Umweltverbände werden diese Pläne mit allen demokratischen Mitteln bekämpfen.
OP : Frage an den ausgewiesenen Energieexperten Rainer Baake: Wie kann unsere Energieversorgung in 15 Jahren idealtypischerweise aussehen?
Baake : Die erneuerbaren Energien sind dabei, Schritt für Schritt die Energieversorgung zu übernehmen. Vor zehn Jahren sind sie noch belächelt worden, heute decken sie bereits 15 Prozent der Stromversorgung in Deutschland ab. Nach dem Willen aller im Bundestag vertretenen Parteien wird es bereits 2020 einen Anteil der Erneuerbaren von deutlich über 30 Prozent geben.
Da die Einspeisung von Wind- und Solarstrom je nach Wetterlage stark schwankt, wird es immer wichtiger, den restlichen Kraftwerkspark an diese Entwicklung anzupassen. Eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke passt mit einem hohen Anteil von erneuerbaren Energien genauso wenig zusammen, wie der Bau von neuen Kohlekraftwerken. Der übrige Kraftwerkspark braucht mehr Flexibilität.
OP : Welche Rolle wird die Windkraft in Zukunft spielen?
Baake : Die Windkraft an Land ist auf dem Weg zur Wirtschaftlichkeit und wird bald keine Förderung mehr benötigen. Sie wird ihre Rolle weiter ausbauen. Wenn es gelingt, große Offshore-Windparks in der Nord- und in der Ostsee zu verwirklichen, erreichen wir eine neue Dimension. Wind wird eine ganz wichtige und preisdämpfende Säule unserer Energieversorgung werden.
OP : Noch werden die Windkraftstandorte in windarmen Regionen mit den geringsten Ertragschancen am stärksten bezuschusst. Ist das richtig angelegtes Geld?
Baake : Das Erneuerbare-Energien-Gesetz ist ein lernendes Gesetz. Es hat bewirkt, dass die Produktionskosten für Strom aus erneuerbaren Energien in den letzten Jahren drastisch gesunken sind. Das Gesetz dient der Markteinführung, die Fördersätze werden regelmäßig angepasst. Es gibt keine Dauersubventionen. Die Windenergie wird die Wirtschaftlichkeit als erste erreichen, gefolgt von der Biomasse. Bei der Photovoltaik werden wir im kommenden Jahrzehnt einen Punkt erreichen, wo die Stromproduktion auf dem eigenen Dach zu dem selben Preis möglich ist, den wir an unsere Stromversorger zahlen. Dann geht die Post ab!
OP : Solarstrom ist mit 45 Cent pro Kilowattstunde noch deutlich teurer als konventionell erzeugter Strom. Auch die wirtschaftlich schlecht gestellten Verbraucher bezahlen die Mehrkosten über den Strompreis mit. Vielen Menschen fehlt das Verständnis dafür.
Baake : Schauen Sie sich die Umfragen an: Alle Deutschen, egal welche Partei sie wählen, sehen die Zukunft bei den erneuerbaren Energien. Die Menschen wollen keine Atomkraftwerke mehr und auch keine neuen Kohlekraftwerke. Sie haben längst gemerkt, dass wir nur durch Umstellung unserer Stromproduktion Energiesicherheit erlangen. Die Markteinführungshilfen für die erneuerbaren Energien, die wir über den Strompreis bezahlen, sind gut angelegtes Geld. Sie helfen uns, unabhängig zu werden von teuren Energie-Importen.
OP : Umwelt- und Klimaschutz finden inzwischen alle Parteien prima. In unserem Landkreis bekennen sie sich sogar zu dem gemeinsamen Ziel, bis 2040 eine umweltfreundliche, dezentrale und autarke Energieversorgung aufzubauen. Fühlen Sie sich als "Manager der Energiewende" als Sieger der Geschichte?
Baake : Die erneuerbaren Energien haben in unserem Land eine Erfolgsgeschichte geschrieben - nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Klimaschutzes und der Versorgungssicherheit, sondern auch mit Blick auf die Arbeitsplätze. 280 000 zukunftssichere Arbeitsplätze sind entstanden; in der gleichen Zeit haben die Kohle- und Atomkonzerne ihre Belegschaften um mehrere zehntausend Mitarbeiter wegrationalisiert.
OP : Wo sehen Sie noch Bedarf für intelligente Förderung, damit diese Erfolgsgeschichte weiter geschrieben werden kann?
Baake : Das Erneuerbare-Energie-Gesetz muss regelmäßig fortgeschrieben werden. Die Vergütung für die eingespeisten Kilowattstunden müssen auskömmlich sein, aber sinken, um den Druck in Richtung Wirtschaftlichkeit aufrecht zu erhalten.
Ansonsten werden wir in den nächsten Jahren zwei große Herausforderungen zu lösen haben. Das ist zum einen die Transportfrage. Unser Stromnetz muss umgebaut werden. Wir brauchen zwischen den neuen Anlagen und den Verbrauchszentren ausreichende Übertragungskapazitäten. Die zweite Herausforderung ist die Flexibiisierung des Kraftwerkparks. Wir haben heute etwa 250 Großkraftwerke in Deutschland. 17 werden mit Atomkraft betrieben, die restlichen überwiegend mit Kohle. Wenn Atomkraftwerke abgeschaltet und alte Kohleblöcke vom Netz genommen werden, übernehmen die erneuerbaren Energien. Wir brauchen allerdings übergangsweise mehr gut regelbare Gaskraftwerke, die immer dann einspringen, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Langfristig müssen wir lernen, Strom intelligent und wirtschaftlich zu speichern.
von Matthias Mayer

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