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„Es hilft nicht, Milchpulver nach Afrika zu schicken"

Interview „Es hilft nicht, Milchpulver nach Afrika zu schicken"

Die OP sprach mit Matthias Knoche, Wahlkreiskandidat der Grünen, über Entwicklungshilfe und den Hunger in der Welt.

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OP: Gestern sind Sie beim Wahlforum der Bauern mit den Problemen konfrontiert worden, die unsere Landwirte haben, weil sie zu viele Lebensmittel produzieren. Heute lesen Sie, dass Guatemala nach einer Dürre für 400 000 Familien den Hungernotstand ausgerufen hat. Gerät die Welt aus den Fugen?
Matthias Knoche: Hunger ist ein Problem von Verteilungsgerechtigkeit. Es gibt auf der Welt genügend Lebensmittel, um die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren. Trotzdem gibt es Ungleichgewichte. Wenn die sich so verstärken, dass Hungersnöte entstehen, dann steht die Weltgemeinschaft moralisch in der Pflicht, mit Direkthilfen zu reagieren. Genau so klar ist aber auch, dass man den Kontinent Afrika oder Mittelamerika nicht von Europa aus ernähren kann. Es ist hilfreicher, bei den sich ständig wiederholenden Hungersnöten einen Blick auf die Ursachen zu werfen, um dann Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.

OP: Angesichts der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise spricht kein Mensch über den Entwicklungshilfe-Etat. Wird da zu kurz gedacht?
Knoche: Die Grünen reden schon über den Entwicklungshilfe-Etat – gerade jetzt vor dem Hintergrund der Krise bei den Milchbauern. In den vergangenen Jahren ist die Entwicklungshilfe in die Landwirtschaft von 17 auf 3 Prozent herunter gefahren worden. Gleichzeit haben wir in der EU einen Etat in Höhe von 50 Milliarden Euro, mit dem Lebensmittel so hoch subventioniert werden, dass die erzeugten Mengen nicht mehr nur für den Verzehr in Europa da sind, sondern auch in den Export fließen. Mit billigen Waren überschwemmen wir die Märkte und machen damit die Landwirtschaft in den Zielländern kaputt. Und das ist eine der Ursachen für die Hungersnöte. In Folge der Finanzkrise ist die Zahl der Hungernden auf der Welt von 860 000 Millionen auf eine Milliarde angestiegen.

OP: Wie sieht nachhaltige Entwicklungshilfe in den Augen Ihrer Partei aus?
Knoche: Nachhaltige Entwicklungshilfe heißt, dass wie die Landwirtschaft in den Zielländern auf- und ausbauen müssen. Das bringt den Menschen sowohl Nahrung als auch Arbeit. Nachhaltigkeit bedeutet übrigens auch Klimaverträglichkeit. Afrika und Mittelamerika sind die Regionen unseres Globus’, die vom weltweiten Klimawandel am stärksten betroffen sind. Es hilft wirklich nicht, Milchpulver nach Afrika zu schicken. Die Afrikaner müssen in die Lage versetzt werden, ihre eigene Milch zu ihre eigenen fairen Preisen zu produzieren.Es passiert noch zu häufig das Gegenteil. Wir schicken kleine Hähnchenschenkel, die praktisch Abfall sind, nach Afrika und die Hühnerfarmen dort gehen kaputt. Ähnliche Entwicklungen gibt es auf dem Getreidemarkt. Kanada und die USA exportieren billige, gentechnisch veränderte Lebensmittel nach Afrika und nehmen damit den dortigen Getreidebauern die Existenzgrundlage.Es geht aber auch anders. Die UN-Organisation FAO baut in 60 Ländern Höfe auf. Dort wird die Landwirtschaft den lokalen Begebenheiten angepasst. Die Bauern erhalten Hilfen von der Aussaat bis zur Ernte mit dem Ziel, sie selbstständig zu machen. Das ist der Weg, den wir Grüne wählen würden.

OP: In Situationen wie dieser fordert die Straße schnell, Überproduktion aus unserer Landwirtschaft in die Krisengebiete zu schicken. Warum funktioniert das nicht?
Knoche: Die Soforthilfe gibt es, und sie ist auch notwendig. Wenn wir es uns aber zum Prinzip machen, Überkapazitäten zu erzeugen und diese in der dritten Welt auszuschütten, erreichen wir unter dem Strich das Gegenteil von gut gemeinter Hilfe. Wir erzeugen Abhängigkeiten, die das Risiko neuer Hungersnöte beinhalten.

von Matthias Mayer

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