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Wirtschaft Jungclas geht gegen Insolvenz-Entscheidung vor
Mehr Hessen Wirtschaft Jungclas geht gegen Insolvenz-Entscheidung vor
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14:21 11.03.2018
Die Bäckerei Jungclas ging an den Hinnerbäcker – gegen die Entscheidung gibt es Widerstand. Quelle: Achim Scheidemann
Treysa

Die Filialen sind schon neu beschildert: „Hinnerbäcker Jungclas“ ist an den Filialen zu lesen, die das Unternehmen aus der Wetterau übernommen hat.  Und auf der Homepage der Bäckerei erklärt das Unternehmen: „Nach erfolgreichen Verhandlungen konnte zwischen der Bäckerei Hinnerbäcker und der Bäckerei Jungclas eine Einigung über die Übernahme des Betriebes erzielt werden. Demnach werden wesentliche Betriebsteile, insbesondere die Verkaufsfilialen, übernommen. Ebenso bleibt die Verwaltung des Unternehmens  in Schwalmstadt-Treysa.“

Die Gläubigerversammlung hatte dem Hinnerbäcker auf Vorschlag des Insolvenzverwalters Dr. Hans-Jörg Laudenbach den Zuschlag erteilt. Denn das Unternehmen aus der Wetterau habe, wie Laudenbach seinerzeit im Gespräch mit der OP sagte, das beste Angebot vorgelegt, bei dem die meisten Arbeitsplätze und auch die Produktion in Treysa gesichert seien. Doch: Kaum war die Tinte auf dem Vertrag trocken, kündigte der Hinnerbäcker an, die Produktion zu schließen. Die meisten Mitarbeiter wurden entlassen, nur wenige nahmen das Angebot an, in der Backstube in der Wetterau zu arbeiten.

Nun erhebt Rechtsanwalt Martin Schubert, der die Eheleute Jutta und Eckhard Jungclas vertritt, schwere Vorwürfe – er erklärt eine Gläubigeranfechtung, das heißt, er geht gegen die Entscheidung der Gläubigerversammlung vor. Denn, so schreibt er in einem Brief an den Insolvenzverwalter: „Meine Mandantschaft geht davon aus, dass hier möglicherweise von Anfang an ein ,linkes Spiel‘ betrieben wurde.‘“

Gründe dafür führt Anwalt Schubert einige an: So habe seine Mandantin Jutta Jungclas im Oktober vergangenen Jahres die Gesellschafter der Firma Hinnerbäcker kennengelernt, die ein großes Interesse an der Übernahme von Jungclas gezeigt hätten. Sie hätten zugesichert, sowohl die Produktionsstätte zu erhalten als auch einen Großteil der Filialen und des Personals zu übernehmen.

Zugesicherter Mietvertrag liege bisher noch nicht vor

In der Folge sei seine Mandantin mit Vertretern von Hinnerbäcker bei der Bank gewesen – dort habe man vereinbart, dass der Hinnerbäcker einen langfristigen Mietvertrag über die Produktionsstätte mit Eckhard Jungclas abschließe – in Höhe von monatlich 4.000 Euro. „Auf diesen Mietvertrag wartet die Bank heute noch“, sagt Schubert im Gespräch mit der OP – dabei seien die Einnahmen aus diesem Vertrag die Lebensgrundlage des Ehepaars.

Mieten seien bisher nicht geflossen. Außerdem entferne die Firma Hinnerbäcker derzeit sämtliches Inventar und alle Produktionsgegenstände aus dem Backhaus – dazu habe das Unternehmen kein Recht, vor allem deshalb, weil Eckhard Jungclas als Vermieter ein Vermieterpfandrecht an den Gegenständen habe. Das sei besonders wichtig, weil Miet- und Schadenersatzansprüche zu befürchten seien.

Zudem erscheine Jutta Jungclas bereits die Insolvenzeröffnung zweifelhaft. Denn sie habe im vergangenen Jahr rund 590.000 Euro in die Gesellschaft gesteckt – über den Verbleib der Gelder habe sie der Geschäftsführer jedoch nie informiert. „Noch heute ist für sie nicht nachvollziehbar, wo die an die GmbH geflossenen Gelder verblieben sind“, schreibt Anwalt Schubert. Seine Mandantin wolle eine Buchprüfung vornehmen lassen – doch eine Kopie des Gutachtens über die Insolvenzeröffnung liege bisher ebenso wenig vor, wie die Buchführungsunterlagen.

Die Zahlen würden vor dem Hintergrund der Eröffnung des vorläufigen Insolvenzverfahrens im September noch zweifelhafter erscheinen. Denn mit der Eröffnung habe die Bundesagentur für Arbeit die Gehälter für drei Monate übernommen – das mache rund 900 000 Euro. Gemeinsam mit den 590 000 Euro, die Jutta Jungclas bereits in die Bäckerei gesteckt hatte, seien also 2017 fast 1,5 Millionen Euro in die GmbH geflossen – somit „müsste sogar bei Insolvenzeröffnung im Dezember 2017 eine Überdeckung vorhanden gewesen sein“, schreibt der Anwalt.

Zudem sei es bedenklich, dass ein ehemaliger Vertriebsmitarbeiter vom Hinnerbäcker bei Jungclas angeheuert habe. „Meine Mandantin sieht hier eine gezielt schädigende Vorgehensweise“, so Schubert – noch dazu, weil der Mitarbeiter auch jetzt wieder eine Art Geschäftsführung für die übernommenen Filialen innehabe. „Betrachtet man die Umsatzzahlen vorhergehender Jahre, kam es nie zuvor zu einem derartigen Umsatzrückgang“, wundert sich Schubert. Ein Zusammenwirken des Mitarbeiters mit den Inhabern des Hinnerbäckers sei zwar nicht nachzuweisen. „Es bestehen jedoch nicht von der Hand zu weisende Indizien“, meint Schubert.

Auch sei seine Mandantschaft der Ansicht, dass das Angebot des Backhauses Horst aus Fronhausen „weitaus umfangreicher und sowohl für die Gläubiger und Anteilseigner als auch für das Personal günstiger war, als der jetzt von Ihnen vorgenommene Deal mit der Firma Hinnerbäcker“, schreibt Schubert an den Insolvenzverwalter. Seine Mandantschaft beabsichtige die strafrechtliche Überprüfung der Vorgänge. Insolvenzverwalter Dr. Hans-Jörg Laudenbach war auf Anfrage der OP nicht zu sprechen.

von Andreas Schmidt