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Politik Missbrauch in katholischer Kirche: Hunderte Opfer in Hessen
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19:13 25.09.2018
Generalvikar Wolfgang Rösch. Quelle: Frank Rumpenhorst/Archiv
Fulda/Limburg

Hunderte Kinder und Jugendliche sind nach den Akten der katholischen Bistümer in Hessen seit 1946 durch Geistliche sexuell missbraucht worden. Bundesweit sollen nach Angaben der von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Studie zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 meist männliche Minderjährige missbraucht haben. Die Bistümer Fulda, Limburg und Mainz nannten am Dienstag ihre Teilergebnisse.

BISTUM LIMBURG: In der Diözese sind 85 Opfer bekannt geworden. 60 Prozent davon seien Jungen, teilte das Bistum mit. Beschuldigt wurden demnach 92 Priester, Diakone, Laien-Kirchenmitarbeiter sowie Ehrenamtliche. Davon gelten 23 als Täter, entweder weil sie Übergriffe eingeräumt haben oder überführt wurden. Fünf Beschuldigte hätten Übergriffe gestanden, doch diese seien entweder verjährt oder lägen unter der Schwelle der Strafbarkeit. Die Vorwürfe reichen dem Bistum zufolge bis in die 1940er Jahre zurück. Ein großer Teil der Anschuldigungen betreffe die 1960er bis 1980er Jahre.

Für die Studie wurden 627 Personalakten untersucht. Ein Teil der Beschuldigten und Täter sei mittlerweile im Ruhestand oder verstorben, sagte ein Bistumssprecher. Einige seien aber auch noch im Dienst. Es sei in solchen Fällen "Standard", dass die Betroffenen nicht mehr im Kinder- und Jugendbereich arbeiteten, hieß es.

Generalvikar Wolfgang Rösch entschuldigte sich bei den Opfern und kündigte weitere Schritte der Aufarbeitung an. "Im Bistum Limburg sind wir in der Vergangenheit falsche Wege gegangen, uns diesem Thema wirklich zu stellen", sagte Rösch. "Der Schutz der Opfer muss oberste Priorität haben." Nichts dürfe mehr vertuscht oder verschleiert werden.

Die Studie solle nun in den Gremien beraten und es sollen Konsequenzen gezogen werden. Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche wurde im Jahr 2010 bekannt, danach setzten die Bistümer beispielsweise Präventionsbeauftragte ein. Das Bistum zahlte nach eigenen Angaben bisher insgesamt 166 000 Euro "in Anerkennung des Leids" sowie 59 000 Euro für Therapien und andere Hilfe.

BISTUM FULDA: Nach Durchsicht von 795 Personalakten aus den Jahren 2000 bis 2015 wurden den Angaben zufolge 75 Betroffene identifiziert, 49 Jungen und 23 Mädchen - bei drei Opfern fehlte die Geschlechtsangabe. 23 Opfer waren unter 13 Jahren, 28 älter - bei 24 Betroffenen gab es keine Altersangaben. Die Opfer waren meist Ministranten. Die Übergriffe fanden bei privaten Treffen, etwa in der Wohnung des Pfarrers statt oder in Ferienlagern.

In den Akten wurden 29 Beschuldigte gefunden, davon 19 Diözesanpriester, ein Diakon und neun Ordensleute. Acht Beschuldigte waren nach Akten-Durchsicht bereits verstorben. Im aktiven Dienst wurden 21 innerhalb der Diözese versetzt, manche auch mehrfach.

Das Bistum räumte im Umgang mit dem Thema Missbrauch Versäumnisse ein. Das Versagen der Verantwortlichen habe darin gelegen, dass die Aussagen der Betroffenen nicht ernst genommen worden seien. "Das müssen wir als Versagen bekennen", sagte Generalvikar Gerhard Stanke. Gelernt habe das Bistum, die Betroffenen in den Vordergrund zu stellen. Es gebe nun einen veränderten Umgang mit ihnen. Zudem seien Präventionsmaßnahmen aufgebaut worden, die aber verbessert werden müssten. Mehr als 5100 Haupt- und Ehrenamtliche seien geschult worden im Umgang mit Missbrauch, dazu mehr als 2000 Personen bei der Caritas.

In Anerkennung des Leids hat das Bistum mehr als 45 000 Euro an die Opfer gezahlt, Beträge zwischen 1000 und 8000 Euro, zudem mehr als 5700 Euro an Therapiekosten. Gegen die Beschuldigten wurde in 13 Fällen kirchenrechtlich vorgegangen. Nur ein Beschuldigter wurde allerdings aus dem Klerikerstand entlassen, in anderen Fällen gab es mildere Sanktionen. Bei den Verfahren der Staatsanwaltschaften wurden sechs Verfahren rechtskräftig abgeschlossen, in drei Fällen davon wurden Freiheitsstrafen verhängt.

BISTUM MAINZ:Nach den Akten wurden 122 männliche und 47 weibliche Opfer erfasst. Die früheste registrierte Missbrauchstat datiere aus dem Jahr 1931, die letzte von 2010. Das Bistum liegt zum Großteil in Hessen, zum kleineren Teil in Rheinland-Pfalz.

Den Angaben zufolge wurden seit den 1940er Jahren 18 Gerichtsverfahren gegen Mitarbeiter des Bistums Mainz geführt - Priester, Diakone und Laien. Vier Haftstrafen wurden verhängt, drei Freisprüche gab es. In den restlichen Fällen habe es Bewährungs- oder Geldstrafen gegeben. Kirchenrechtlich liefen seit 2001 fünf Verfahren. In einem Verfahren sei der Betroffene aus der Kirche ausgeschlossen worden, eines laufe noch, der Rest endete laut Bistum mit geringeren Strafen und Auflagen.

Von Opfern seien bisher 52 sogenannte Anträge auf Anerkennung erlittenen Leids gestellt worden, 47 wurden bewilligt. Gezahlt wurden an Opfer daraufhin insgesamt 275 000 Euro. Zudem wurden rund 93 000 Euro zur Übernahme von Therapiekosten an Betroffene gegeben. Bischof Kohlgraf betonte, er bedaure das Leid der Opfer zutiefst. In den kommenden Wochen und Monaten wolle er mit ihnen das Gespräch suchen. "Vertuschung und Schutz der Institution darf es nicht geben. Das muss auch im Umgang mit den Tätern deutlich werden."

Kritiker bemängeln allerdings, das tatsächliche Ausmaß des Missbrauchs in der Kirche sei in der Studie nicht annähernd abgebildet, da den Autoren beispielsweise kein Zugang zu Originaldokumenten in den Kirchenarchiven eingeräumt worden sei. Es fehlten Aussagen von Opfern, auch habe es keine Zeugenvernehmungen gegeben, teils seien Akten sogar vor der Untersuchung vernichtet worden. Zudem seien die zahlreichen Ordensgemeinschaften für die Studie nicht auf Missbrauchsfälle untersucht worden.

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