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Landtagswahl 2018 Schalauske: „Stoppt den Krieg, keiner siegt“
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10:58 01.10.2018
Jan Schalauske vor dem Deserteursdenkmal in der Frankfurter Straße (oben) und im Gespräch mit OP-Redakteur Carsten Beckmann. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Am Deserteursdenkmal in der Frankfurter Straße kümmert sich Jan Schalauske erst einmal um den Kranz, der dort liegt. Streicht die Schleife glatt, überlegt kurz, hebt das Gebinde an und stellt es an einem der Alleebäume ab, bevor das Mahnmal als Hintergrund für Porträtfotos herhält. Der 37-jährige Wahl-Marburger entspricht so gar nicht dem gängigen Bild eines Landtagswahl-Direktkandidaten und vielleicht noch weniger dem Bild eines Parteivorsitzenden auf Landesebene. Die Pose des „Hier bin ich – wählt mich gefälligst“ geht dem Politikwissenschaftler völlig ab, und er sagt von sich selbst auch: „Ich verstehe mich nicht als Politiker, sondern als jemand, der auf Zeit politisch arbeiten darf.“

Abgeordneter im Hessischen Landtag wurde Schalauske im April vergangenen Jahres, als er für Willi van Ooyen in die Fraktion der Linken nachrückte. Zu dem Zeitpunkt war er schon seit drei Jahren Hessen-Chef seiner Partei, um das Direktmandat bewarb sich Schalauske erstmals 2008: „Damit bin ich wahrscheinlich der dienstälteste Kandidat im Wahlkreis.“ Der Lehrersohn aus Lüneburg kam zum Studium der Politikwissenschaften an die Lahn – nicht etwa, weil er sich in die Fachwerkromantik Marburgs verliebt hatte: „Nein, mein Hauptantrieb war der Ruf, den der Fachbereich 03 hatte – ich wollte bei linken Professoren wie Frank Deppe und Georg Fülberth studieren.“

Ruhig und zurückhaltend. mit einem ganz leisen, sparsam portionierten Humor – das ist der Modus, in dem Jan Schalauske normalerweise unterwegs ist. Doch er kann sich auch richtig empören – immer dann, wenn es um soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Missstände geht.

Dann wird der Linke zum politischen Überzeugungstäter, was das Wiesbadener Plenum gleich bei Schalauskes Antrittsrede als Landtagsabgeordneter zu spüren bekam: „Ich habe 20 Minuten lang auf eine Regierungserklärung von Europaministerin Lucia Puttrich geantwortet“, erinnert sich Schalauske: „Traditionell verkneift sich das Haus bei Antrittsreden neuer Abgeordneter Zwischenrufe, aber von der CDU-Bank kam irgendwann der Kommentar: ‚Solche Reden lernt man im Kader.‘“

Zur Person

Name: Jan Schalauske
Alter: 37
Wohnort: Marburg
Mitglied der Linken seit: 2005
Listenplatz Landesliste: 2
Beruf: Diplom-Politikwissenschaftler, Landtagsabgeordneter

Mit leichtem Augenzwinkern, weil es wohl „als Kader“ hätte heißen müssen, sei er da stolz gewesen auf das , was er an der „roten Uni“ Marburg gelernt habe: „Die CDU hatte mich also spontan liebgewonnen und außerdem war eine Gruppe aus Marburg auf der Zuschauertribüne“, erinnert sich der Marburger Linke an seinen Einstand in der Landeshauptstadt.

Rau gehe es bisweilen zu im Landtag, doch mehr als ein ruppiger Umgangston ärgert den Direktkandidaten, dass CDU und Grüne „die Welt verklären“, dass die derzeitige Landesregierung die „gravierende soziale Spaltung“ ignoriere. Genau das geht – bedingt durch Erfahrungen aus dem eigenen Elternhaus – Jan Schalauske sehr nahe: „In den bleiernen 80er Jahren war mein Vater länger arbeitslos, ich weiß, was das mit Menschen macht und von daher sind diese Themen für mich etwas sehr Persönliches.“

In einem Umfeld, das politisch von der 68er-Bewegung geprägt war, ging der zehnjährige Jan auf seine erste Demonstration: „Mit einem selbstgemalten Plakat, auf dem stand: ‚Stoppt den Krieg, weil keiner siegt.‘“ Habe sich nicht so ganz richtig gereimt, räumt Schalauske ein, aber immerhin sei es gegen den Irak-Krieg gegangen. So richtig politisch aktiv wurde Schalauske dann aus Enttäuschung über die Bundespolitik der „Alt-68er“ Gerhard Schröder und Joschka Fischer, das völkerrechtswidrige militärische Vorgehen auf dem Balkan, die Agenda 2010. Spätestens, als durch die Verschmelzung von WASG und PDS die Linke entstand, hatte der Politikstudent seine politische Heimat gefunden – und seine berufliche Laufbahn.

Was macht Jan Schalauske, wenn ihm im Marburger Stadtparlament, im Landtag oder im Landesvorstand mal alles ein bisschen zu viel wird? „Am besten hilft es, einfach mal die Familie in den Arm zu nehmen, wenn einem alles über den Kopf wächst“, sagt der Vater einer neun Monate alten Tochter. Entspannung findet Jan Schalauske auch beim Wandern und, weil das bekanntlich hungrig macht, beim Essen – Grünkohl am liebsten oder mediterrane Kost.

von Carsten Beckmann