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Landtagswahl 2018 Schäfer-Gümbel will Hausaufgaben abschaffen
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00:19 24.09.2018
Thorsten Schäfer-Gümbel will die Hausaufgaben abschaffen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„BMW – Bildung, Mobilität, Wohnen“: Ob das der Vorsitzende des Arbeitskreises für Kommunal- und Wirtschaftsfragen (AFK), Thomas Janssen bei der Begrüßung Schäfer-Gümbels zitiert oder selbst erfunden hat, ist eigentlich nebensächlich.

Dass ausgerechnet eine Automarke die Abkürzung für das Schäfer-Gümbel’sche Wahlprogramm liefert, ist in jedem Fall ein wenig irreführend, denn der SPD-Chef konzentriert sich bei den Vertretern der Marburger Wirtschaft beim Thema Mobilität vor allem auf den Schienenverkehr: „Wir brauchen das dritte Gleis der Main-Weser-Bahn, um mehr Verkehr auf die Schiene bringen zu können“, sagt er. Für die Lösung der Verkehrsprobleme in und um Frankfurt plädiert „TSG“ für einen ­S-Bahn-Ring um die Stadt, „selbst in Berlin funktioniert das“, fügt er hinzu.

Ansonsten bleibt er bei der Lösung des drohenden Verkehrsinfarktes eher allgemein: Bis 2025 werde ein um 20 Prozent höheres Aufkommen im Güterverkehr erwartet, die Nahverkehrsverbände RMV und NVV seien an ihrer Kapazitätsgrenze. Jeder Pendler, der einmal nach Feierabend zurück von Frankfurt in den Landkreis gefahren ist, weiß das.

Lösungsvorschläge sind eher bescheiden. Hessen Mobil müsse personell aufgestockt werden, damit die Straßen in Ordnung gebracht werden können. Und, ganz wichtig: Das Marburger Hinterland dürfe nicht von den Verkehrswegen abgehängt werden. Ob das ein Plädoyer ist für einen längst totgeglaubten Plan, nämlich die A 4 von Westen her zu verlängern, berichtet Schäfer-Gümbel nicht – und die anwesenden Wirtschaftsvertreter fragen das auch nicht nach.

Die Forderung nach der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum ist da doch deutlich konkreter. Schäfer-Gümbel zitiert Zahlen, die seine These von der „dramatischen Entwicklung auch im ländlichen Raum“ belegen sollen: Die durchschnittliche Miete für kleine Wohnungen von unter 30 Quadratmetern liege inzwischen bei 20,50 Euro pro Quadratmeter – 4,50 Euro mehr als noch vor vier Jahren. Und: Frankfurt sei der am schnellsten wachsende Ballungsraum in Deutschland. „Wir müssen im Ballungsraum eine neue Großstadt bauen“, sagt Schäfer-Gümbel, fügt aber an: „Das ist im Ballungsraum Gießen/Marburg/Wetzlar nicht anders: Auch hier haben wir einen massiven Zuzugsdruck.“

Vor diesem Hintergrund sei der Verkauf der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft eine „fatale Fehlentwicklung“ gewesen, die er als Regierungschef korrigieren wolle. Er hat sich, berichtet er dem Publikum, den „extrem starken öffentlichen und gemeinnützigen Wohnungsbau-Sektor in Wien angeschaut. Der schafft es in der österreichischen Hauptstadt, für 7,50 Euro pro Quadratmeter zu bauen und das, fast ebenso wichtig, in nahezu allen städtischen Quartieren. Das hänge damit zusammen, dass der öffentliche geförderte Wohnungsbau ohne Einkommensgrenze zur Verfügung steht – in der Folge habe man in allen Quartieren eine breite soziale Mischung.

Ob dieses Beispiel ein Vorbild für Hessen sein kann, ließ Schäfer-Gümbel offen. Er warb stattdessen grundsätzlich für das Entstehen von dramatisch mehr Wohnungen. „Das bedeutet auch, dass neue Stadtteile entstehen werden“, sagte er – als habe er die Debatte in Marburg studiert.

„Solange die soziale Herkunft die Bildungschancen in unserem Land so sehr beeinflusst, werden wir nicht aufhören, über unser Bildungssystem zu reden“, sagte der SPD-Chef zu seinem dritten Wahlkampf-Schwerpunkt. Er legte ein eindeutiges Bekenntnis zum Ausbau der Ganztagsschule ab, „aber unser bisheriges Bildungssystem beruht darauf, dass Schüler den Unterrichtsstoff zu Hause wiederholen.“ Das begünstige ungleiche Bildungschancen, weil nicht alle Eltern ihren Kindern helfen können. Schäfer-Gümbels mutige Schlussfolgerung, die anschließend auf den Fluren für viel Gesprächsstoff sorgte: „Schafft die Hausaufgaben ab – davon hängt der Bildungserfolg ab.“

von Till Conrad