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Landtagswahl 2018 Özgüven: Bildung ist ihr Herzensanliegen
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00:18 08.10.2018
Bildung ist für Handan Özgüven (SPD) ein wichtiges Thema. Hier sitzt die Juristin, die in Marburg studiert hat, vor der Alten Universität. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Wer Handan Özgüven nach ihrem politischen Herzensanliegen fragt, sollte etwas Zeit mitbringen – denn es gibt eine ganze Reihe von Themen, die der SPD-Landtagsabgeordneten am Herzen liegen. Zuallererst, ohne Überlegen, fällt der 45-Jährigen das Thema Bildung ein. „Unabhängig vom Geldbeutel der Eltern soll jedes Kind die besten Chancen haben“, fordert sie. „In Hessen ist das noch nicht der Fall.“ Dass ihr das so wichtig ist, hat viel mit ihrer Biografie, mit ihren eigenen Erfahrungen, zu tun.

Özgüven ist 1973 in Bensberg (heute Bergisch Gladbach) geboren, hat aber einen Teil ihrer Kindheit bei den Großeltern in der Türkei verbracht. Als sie eingeschult wurde, konnte sie so wenig Deutsch, dass sie zwei Jahre in eine spezielle „Ausländerklasse“ gehen musste. Obwohl sie dort Klassenbeste gewesen sei, seien nach zwei Jahren ihre Deutschkenntnisse immer noch nicht ausreichend gewesen, erzählt sie. Mit großem Ehrgeiz schaffte sie es, diesen Rückstand aufzuholen. Sie machte Abitur und studierte anschließend in Marburg Jura.

Zur Person

Name: Handan Özgüven
Alter: 45
Wohnort: Stadtallendorf
Mitglied der SPD seit: 2002
Listenplatz Landesliste: 34
Beruf: Rechtsanwältin, Fachanwältin für Familienrecht, Landtagsabgeordnete

„Ich hatte Glück, weil meine Eltern dahinter waren, obwohl sie einfache Arbeiter waren“, sagt sie. „Und weil ich Unterstützung von Lehrern hatte, die mein Potenzial gesehen haben.“ Doch außer ihr habe aus der ganzen „Ausländerklasse“ später nur eine Freundin studiert, zwei hätten die Mittlere Reife geschafft, die restlichen hätten Haupt- und Sonderschulen besucht und zum Teil keinen Schulabschluss gemacht. „Diese Zeit hat mich sehr geprägt“, sagt Özgüven. „Deswegen ist mir Bildungsgerechtigkeit so wichtig.“ Die SPD-Politikerin fordert daher unter anderem mehr Lehrer an den hessischen Schulen, ein höheres Einstiegsgehalt für Grundschullehrer und mehr echte Ganztagsschulen.

Özgüven spricht leise und besonnen, im Vergleich zu vielen anderen Politikern wirkt sie zurückhaltend. Als Studentin aber, so berichtet sie, habe sie in Marburg oft lautstark an Demonstrationen teilgenommen. „Mein Gerechtigkeitsgefühl hat mich geprägt, schon als Schülerin war ich vom sozialen Gedanken getrieben“, sagt sie über sich. Und weil Deutschland ihre Heimat ist, beantragte sie eine Woche nach ihrem 18. Geburtstag die deutsche Staatsbürgerschaft. „Von da an habe ich keine Wahl ausgelassen und nie etwas anderes als die SPD gewählt.“

Özgüven: Kinderrechte müssen in die Verfassung

Nach ihrem Referendariat trat sie in die Partei ein, 2006 wurde sie Stadtverordnete in Stadtallendorf, heute sitzt sie außerdem im Kreistag – und seit Ende 2015 im Landtag. Letzteres kam etwas überraschend: Özgüven rückte für Thomas Spies nach, nachdem dieser zum Marburger Oberbürgermeister gewählt worden war. Für sie persönlich bedeutet das lange Arbeitstage: „Ich bin viel unterwegs, oft gehe ich morgens ganz früh aus dem Haus und komme sehr spät nach Hause.“

Da bleibt nur wenig Zeit für ihre Hobbys – für das Lesen von Büchern, das Singen im Chor, ihr ehrenamtliches Engagement im VdK und in der Arbeiterwohlfahrt, Besuche bei Freunden und Verwandten, die gemeinsame Zeit mit ihrem inzwischen 15-jährigen Sohn und ihrem Mann. Bevor sie ihr Mandat antrat, habe sie intensiv mit ihrem Mann und ihrem Sohn beraten. „Sie haben mich immer schon unterstützt. Und meine Motivation, es zu tun, war sehr groß. Als Fachanwältin für Familienrecht habe ich viel Einblick in die Situation von Familien und Alleinerziehenden. Ich wollte die Chance ergreifen, Menschen nicht mehr nur juristisch zu helfen, sondern auch als Abgeordnete.“

Sie nutzt die Chance, um sich für ihre vielen Herzensthemen einzusetzen: Bildung natürlich. Bezahlbare Wohnungen – „das wird die soziale Frage der nächsten Jahre sein, wenn wir nicht schnell etwas ändern“. Gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land. Mehr Stellen bei der Polizei. Und bessere Arbeitsbedingungen am Universitätsklinikum, dessen Privatisierung nach Özgüvens Meinung ein „Desaster“ ist. „Wenn sich die Möglichkeit bietet, wollen wir Verhandlungen mit dem Ziel des Rückkaufs führen“, stellt sie die Position der SPD dar.

Um diese Positionen weiterhin im Landtag vertreten zu können, muss Özgüven aber kämpfen – für ein Direktmandat. Denn auf der Landesliste der SPD steht sie erst auf dem unsicheren Platz 34. Bei heimischen Genossen sorgte diese Platzierung für Grummeln, Özgüven sieht es nüchtern: Die Landesliste der SPD werde nach einem bestimmten Schlüssel aufgestellt, um Fairness zu garantieren. „Mir war klar, welchen Listenplatz ich bekomme. Und ich bin fest entschlossen, das Direktmandat zu holen.“

Für sie geht es allerdings bei der Wahl um noch mehr. Hessens Bürger stimmen nämlich über ein weiteres ihrer Herzensanliegen ab. Özgüven hat als Abgeordnete in der Enquete-Kommission zur Änderung der Verfassung mitgearbeitet. „Ich habe mich dafür eingesetzt, dass Kinderrechte in die Verfassung aufgenommen werden – weil ich als Familienrechtlerin festgestellt habe, dass Kinder auch in der Verfassung als eigenes Subjekt behandelt werden müssen. Und ich bin besonders glücklich und stolz darauf, dass das am 28. Oktober auch zur Abstimmung steht.“

von Stefan Dietrich