Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Landtagswahl 2018 Lehrer beklagen Missstände: "Sommermärchen" des Ministers
Mehr Hessen Landtagswahl 2018 Lehrer beklagen Missstände: "Sommermärchen" des Ministers
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:48 24.08.2018
Ein leerer Klassenraum. Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/Archiv
Wiesbaden

Drei Wochen nach Schulbeginn hat die Lehrergewerkschaft GEW erhebliche Missstände an Hessens Schulen beklagt. Vor allem an Grundschulen fehlten Lehrer und die Arbeitsbelastung der existierenden Lehrer sei kaum mehr tragbar, sagten Vertreter der Gewerkschaft am Freitag in Wiesbaden. Zudem entsprächen die Bedingungen an Hessens Schulen - von den Räumen bis zur Ausstattung - keinem modernen Bildungssystem.

Zu Schuljahresbeginn hatte das hessische Kultusministerium die Lage an Hessens Schulen und die Ausstattung mit Lehrern gelobt. "Unsere Schulen starten so gut versorgt wie nie zuvor in das neue Schuljahr", sagte Kultusminister Alexander Lorz (CDU). Das werde besonders beim Ausbau des Ganztagsangebots deutlich.

Die FDP kritisierte am Freitag eine verfehlte Politik, durch Kontrollwut und Herrschsucht würden Lehrer schikaniert, die Schulen drohten weiter abzufallen. "Und Leidtragende sind die Schülerinnen und Schüler und damit unser aller Zukunft", teilte der der schulpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Wolfgang Greilich, mit. Grundschulen seien unzureichend mit Personal ausgestattet. Zudem kritisierten die Freidemokraten die hohe Zahl an Befristungen, bei denen es sich häufig um nicht ausreichend pädagogisch ausgebildete Lehrkräfte handele: "Das ist nichts als verzweifeltes Notstandsmanagement."

Die CDU sprach dagegen am Freitag von "Rekordwerten", die hessischen Schulen stünden besser da als je zuvor in der Geschichte des Bundeslandes. "So viel Geld im Bildungsetat wie nie zuvor, so viele Lehrerstellen und Unterrichtsstunden wie nie zuvor und so wenige Schüler ohne Abschluss wie nie zuvor", teilte der bildungspolitische Sprecher der CDU, Armin Schwarz, mit. Hessen investiere so viel in die Bildung der Kinder wie kein anders Flächenland in Deutschland.

"Die GEW Hessen sieht einen großen politischen Handlungsbedarf für bessere Lern- und Arbeitsbedingungen", sagte GEW-Vorsitzende Birgit Koch. Die "Sommermärchen" des Kultusministers hülfen nicht weiter. "Der Kultusminister redet sich die Welt in Schulen schön und unsere Kollegen sind frustriert", sagte ihre Kollegin Maike Wiedwald, ebenfalls GEW-Vorsitzende. Folgend die drängendsten Kritikpunkte der Lehrervertreter.

LEHRERMANGEL:

Die Landesregierung habe es versäumt, trotz steigender Geburtenraten die Lehrerausbildung zu fördern - als Konsequenz fehlten nun an den Grundschulen qualifizierte Pädagogen, so die Kritik. Auch wenn formal an einer Schule alle Lehrerstellen besetzt seien, gebe es keine Reserve für beispielsweise Elternzeiten. "Dann gibt es keine qualifizierten Lehrkräfte mehr, um das auszugleichen", sagte Wiedwald. Schulen griffen auf Quer-, Seiteneinsteiger und Hilfskräfte zurück und es komme zu Situationen, dass beispielsweise eine Studentin plötzlich allein als Klassenlehrerin eingesetzt werde.

Grundsätzlich begrüßt die Lehrergewerkschaft den Einsatz von Quer- und Seiteneinsteigern - allerdings mit entsprechend pädagogischer Ausbildung und verlässlichen Verträgen. Die Kollegen würden gebraucht, weil der Lehrermangel allein mit verstärkter Lehrerausbildung nicht auszugleichen sei. Ein studierter Physiker soll aber beispielsweise noch ein Referendariat absolvieren, bevor er vor einer Klasse stehen darf.

ÜBERLASTUNG:

"Die Kollegen in allen Schulsystemen können nicht mehr", sagte der stellvertretende GEW-Vorsitzende Tony C. Schwarz. Das zeige sich an zahlreichen Überlastungsanzeigen und steigenden Kranken- und Frühpensionierungszahlen. Die Gründe dafür reichen von gestiegenem Verwaltungsaufwand über schwierigere Klassenzusammensetzung bis zu mehr Elternarbeit. Bei einer Klasse von 25 Kindern stehe sie heute vor einer extrem heterogenen Gruppe, berichtete die Lehrerin an einer Grundschule in Bensheim, Elke Fischer. Für ihr Inklusionskind habe sie gerade mal in vier von 24 Wochenstunden einen Förderschullehrer an ihrer Seite. Bei anderen Kindern mit speziellem Förderbedarf oder Traumatisierung müsse sie gleichzeitig Ergotherapeutin, Logopädin und Psychologin sein: "Dafür bin ich nicht ausgebildet worden."

Auch die Elternarbeit sei in verschiedenen Aspekten schwieriger geworden, sagte Paul Neuhaus, Lehrer einer Frankfurter Gesamtschule. Statt wie vor Jahren nur ein paar Schüler bräuchten heute zwei volle Klassen Unterstützung beim Deutschlernen. Bei Elterngesprächen müsse er oft mit einem Dolmetscher arbeiten, bei Schülern mit Problemen gebe es Absprachebedarf mit beispielsweise Sozialpädagogen: "Das findet dann in der Freizeit statt." An seinem Gymnasium gebe es vier Burn-Out-Fälle im Kollegium, zwei davon könnten nicht mehr im Schuldienst arbeiten, berichtete Holger Giebel von der Martin-Luther-Schule in Rimbach im Odenwald. Die wenigsten Kollegen blieben bis zum Pensionsalter im Schuldienst. "Die Kollegen wollen die an sie gestellten Anforderungen gerne erfüllen, aber die Bedingungen müssen stimmen", resümierte Wiedwald. Dazu gehöre eine bessere Bezahlung und eine Entlastung bei der Arbeitszeit.

INVESTITIONSSTAU:

An den Schulen in Hessen muss viel saniert werden und das Land soll sich einen Überblick verschaffen und handeln, forderte die GEW. "Angesichts der im April und im Juni erfolgten Schulschließungen in Kassel und in Neukirchen aufgrund von Einsturzgefahr fordern wir die Landesregierung abermals auf, den Investitionsstau an den Schulen in Hessen zu ermitteln", sagte Wiedwald.

dpa

Der SPD-Spitzenkandidat für die hessische Landtagswahl, Thorsten Schäfer-Gümbel, hat ein weiteres Mitglied seines Schattenkabinetts vorgestellt. Thomas Schwarze soll bei einem SPD-Sieg bei der Wahl am 28. Oktober künftig für Schulen und Bildung zuständig sein.

24.08.2018

Das Thema „soziale Gerechtigkeit“ wird den Landtagswahlkampf prägen. Doch welche Schwerpunkte setzen die Parteien in diesem Politikfeld?

23.08.2018

Der SPD-Spitzenkandidat für die hessische Landtagswahl, Thorsten Schäfer-Gümbel, hat ein weiteres Mitglied seines Schattenkabinetts vorgestellt. Marlies von der Malsburg soll bei einem SPD-Sieg bei der Wahl am 28. Oktober künftig für Europa zuständig sein.

23.08.2018