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Landtagswahl 2018 Cernaj will die „Angst“ bekämpfen
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11:15 01.10.2018
Schönbach ist für Dr. Ingeborg Cernaj ihre Heimat geworden. Quelle: Thorsten Richter
Schönbach

Damit Dr. Inge­borg Cernaj nach der Wahl in den Landtag einzieht, muss ein Wunder geschehen. Sie steht nicht auf der Landesliste der Linken und als Direktkandidatin des Wahlkreises 12 ist sie wohl ohne Chance gegen die Kandidaten der großen Parteien. 2013 kandidierte sie bereits für den Landtag, verpasste mit 4,5 Prozent der Stimmen den Einzug deutlich. Warum tut sich die 75-Jährige erneut den stressigen Wahlkampf an? „Es macht mir einfach großen Spaß. Ich kann’s nicht sein lassen“, sagt Cernaj. In einem Alter, in dem die meisten aus der Politik aussteigen, hat die Humanbiologin noch „viele Ideen im Kopf“, für die sie kämpfen will. „Auch wenn ich nicht alles mehr er­leben werde“, sagt sie.

Cernaj will nicht nur der ­„Gegenpol“ zu ihrem jungen, männlichen Linken-Kollegen Jan Schalauske sein. Sie will selbst Schwerpunkte im Wahlkampf setzen: Mit ihrer Erfahrung, ihren Ideen, aber auch ihrer Geschichte.

Im September 1980 ist Cernaj mit ihrem Mann aus der damaligen Tschechoslowakei geflohen. Ihre Familie, die aus dem Sudetenland stammt, sei ausgegrenzt worden, weil sie in ihrem Wohnort Bratis­lava Deutsch sprach. Nachdem ihre Eltern und ihre Schwester 1965 beziehungsweise 1966 legal ausgewandert waren, ergriff sie mit ihrem Mann, einem Slowaken, erst die Flucht, als beide ­ihre Stelle an der Universität verloren hatten. „Wir waren nicht mehr zuverlässig genug, um an der Uni zu arbeiten“, sagt sie. Ihnen sei ein schlechter Einfluss auf die Studierenden nachgesagt worden.

Zur Person

Name: Dr. Ingeborg Cernaj
Alter: 75
Wohnort: Schönbach
Mitglied der Linken seit: 2007
Listenplatz Landesliste: /
Beruf: Freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin

Den Umgang mit Flüchtlingen heutzutage findet sie „ungerecht“. Während die Sozialismus-Flüchtlinge aus dem Ostblock mit offenen Armen empfangen worden seien, müssten die Flüchtlinge derzeit für alle Versäumnisse der deutschen Politik herhalten. „Die Mutter aller Probleme ist nicht die Migration, wie Horst Seehofer sagt. Es ist die Angst“, sagt Cernaj, „davor, dass wir vielleicht zwei Prozent unseres Wohlstands abgeben müssen“.

Die AfD spiele die Schwächeren der Gesellschaft gegeneinander aus: Arbeitslose, Geringverdiener und Rentner, denen es bereits vor der Flüchtlingskrise schlecht gegangen sei. „Deutschland hat immer gut ­gelebt mit Menschen anderer Nationen“, sagt Cernaj. Aus eigener Erfahrung weiß sie, was eine Flucht bedeutet. „Es ist nicht leicht, zu flüchten und sein Zuhause hinter sich zu lassen“, sagt Cernaj. „Man vermisst seine Wurzeln.“

Die 75-Jährige wirft den christlichen Parteien vor, ihre eigenen Werte zu vernachlässigen. „Vor lauter Angst vor dem Islam vergessen hiesige Christen die wichtigsten Grundsätze des Christentums wie Nächsten­liebe und Barmherzigkeit“, sagt Cernaj. Um den Menschen die Angst vor dem Fremden zu nehmen, müsse man auch in Hessen gegen die Armut ankämpfen. Dann, so Cernaj, hätten die Menschen auch weniger Angst um ihre Existenz und davor, dass ihnen andere etwas davon wegnehmen möchten.

Neben einem gerechten Umgang mit Flüchtlingen liegt Cernaj eine ökologische Landwirtschaft am Herzen. Besonders treibt sie dabei das Thema Glyphosat um. Weniger wegen des Krebsrisikos für Menschen, sondern viel mehr aufgrund des Insektenrückgangs und der schwindenden Artenvielfalt. „Früher war hier alles voller Schmetterlinge. Wunderschön“, sagt Cernaj über ihre Wahlheimat Schönbach. „Heute müssen Sie Schmetterlinge und ­andere Insekten suchen. Wer wie ich täglich mit dem Hund spazieren geht, sieht die Veränderung.“

Cernaj macht sich auch gegen die Massentierhaltung stark. Es sei bewiesen, dass multiresistente Keime dort zuerst entstanden seien. Ökologisch hergestellte Nahrungsmittel dürften nicht teurer sein als konventionell gefertigte Lebens­mittel. „Gesundheit darf keine ­Frage des Leistens sein“, sagt sie, „auch ärmere Menschen sollen sich gesundes Fleisch kaufen können.“

Die Themen Umweltschutz und Gesundheit beschäftigen Cernaj. „Hinter dem Eisernen Vorhang hatten wir reihenweise Fälle, in denen Keime im Wasser waren. Da haben wir immer alles abgekocht“, sagt sie. Auch deshalb trat Cernaj nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl zunächst den Grünen bei. Dies änderte sich, als sich die rot-grüne Bundesregierung am Kosovo-Krieg beteiligte. ­Ihre neue politische Heimat fand Cernaj bei der Linken.

Gleichzeitig Sozialismus-Flüchtling und Politikerin einer Partei, die aus der PDS hervorging, die wiederum ihre Wurzeln in der Sozialistischen Einheitspartei der DDR hatte – wie geht das? „Ich finde die Idee des sozialistischen Zusammenlebens nach wie vor sehr gut“, sagt Cernaj. „Alle Versuche, dies auf staatlicher Ebene umzusetzen, sind bislang aber krachend gescheitert.“

von Tobias Kunz