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Landtagswahl 2018 Brühl will gemeinsame Lösungen finden
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00:19 30.09.2018
Professorin Tanja Brühl sprach auf Einladung der SPD-Landtagsabgeordneten Handan Özgüven. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Auf Einladung der Landtagsabgeordneten und Direktkandidatin für den Wahlkreis 13, Handan Özgüven, sprach am Montagabend Professorin Tanja Brühl im Gebäude des Deutschen Sprachatlas in Marburg über ihre Vorstellungen guter Bildungs- und Wissenschaftspolitik für Hessen. Brühl ist vom SPD-Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel in dessen „Schattenkabinett“ berufen worden und könnte im Fall einer Regierungsbeteiligung nach dem 28. Oktober Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst werden. Bis Mai war sie Vizepräsidentin der Goethe-Universität Frankfurt und dort für den Bereich Studium und Lehre zuständig. Danach, erzählte sie, habe sie eigentlich wieder „einfache Professorin“ sein wollen – bis sie der Ruf der SPD erreichte.

Dass es in einem der landespolitischen Kerngebiete, Bildung und Wissenschaft, aus ihrer Sicht viel zu tun gibt, skizzierte die Politikwissenschaftlerin bei der Vorstellung ihrer Ideen für eine bessere Schul- und Hochschullandschaft. Die Forderungen der SPD nach der kostenfreien Bildung von der Krippe bis zum Master waren dabei, ebenso ein Sofortprogramm für mehr Lehrer und die Gleichstellung von Grundschullehrern mit den Kollegen der höheren Schulen – und die Verbesserung der Bildungschancen für Kinder aus Nichtakademikerhaushalten und mit Migrationshintergrund – für eine Chancengleichheit, die es bislang nicht gebe.

In der Hochschulpolitik beklagte Brühl Versäumnisse in den vergangenen 19 Jahren der CDU-Regierung. Dazu gehört für sie, dass die Ausgaben für die Hochschulen zwar gestiegen seien, aber lange nicht Schritt gehalten hätten mit dem enormen Anstieg der Studierendenzahlen in den vergangenen zehn Jahren, in Marburg etwa von 12 000 auf 26 000 Studierende. Bei den Pro-Kopf-Ausgaben für Studienplätze liege Hessen mit 7 200 Euro im unteren Drittel der Länder und deutlich unter dem Bundesschnitt von 8 400 Euro.

Probleme, die das mit sich bringe, bekam Brühl auch vom fachkundigen Publikum bestätigt. Die Besucher sprachen Schwächen in der Ausgestaltung von Bachelor- und Master-Studiengängen an, eine Fehlentwicklung, die Studierende wie Hochschulen erheblich belaste. Weitere Anliegen wie das Ausnutzen von Doktoranden für Lehre und administrative Aufgaben, die auf Kosten der eigenen Qualifizierung gehe, und Schwierigkeiten mit befristeten Arbeitsverhältnissen oder die fehlende Personalvertretung von studentischen Hilfskräften an Hochschulen nahm Brühl aus der lebhaften Diskussion mit. Denn auch wenn sie aus der Hochschulpraxis komme, sehe sie sich als Lernende und lege Wert darauf, Probleme gemeinsam zu lösen.

Ein grundlegender Wandel sei dringend nötig, die Finanzierung der Hochschulen müsse deutlich ausgeweitet und auf eine neue Basis gestellt werden, so Brühl, unter anderem hin zu mehr Grundfinanzierung, weg von unübersichtlich vielen befristeten Programmen, die zudem die Bürokratie und Verunsicherung vieler Mitarbeiter im wissenschaftlichen wie nichtwissenschaftlichen Bereich erhöhten. Bei der Forderung nach der Entfristung aller Stellen blieb sie zurückhaltend, manche Befristungen hätten ihren Sinn. Auch den Wettbewerb zwischen den Hochschulen will Brühl nicht abschaffen. Denn auch das von einer SPD-Regierung zu verteilende Geld wäre „endlich“, nicht jeder Wunsch erfüllbar. Also müsse es auch weiterhin Elemente des Wettbewerbs geben.

Was Brühl ändern will, ist die Art der Verhandlungen. Sie bevorzugt, dass das Land über die finanzielle Ausstattung mit allen Hochschulen gemeinsam verhandelt und nicht mit jedem einzeln. Auch bei der Unterstützung der Studierenden sieht sie, dass heutigen Erfordernissen Rechnung getragen werden müsse. Die Regelstudienzeit sei für viele nicht einzuhalten, vor allem, wenn man zuverdienen müsse, um über die Runden zu kommen. Daher müssten auch die Studentenwerke besser ausgestattet werden.

von Michael Agricola