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Landtagswahl 2018 Bolldorf: Zweifler mit Angst vor „Zugereisten“
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10:57 01.10.2018
Karl Hermann Bolldorf (AfD) auf dem Biedenkopfer Schloss. Der 69-Jährige findet Ungarns Europapolitik „hervorragend“ und warnt vor islamisch geprägten Personen. Quelle: Nadine Weigel
Biedenkopf

Ein Schwätzchen hier, eine Plauderei dort. Auf dem Biedenkopfer Schloss kennt man ihn. Von 1993 bis 2011 war Karl Hermann Bolldorf Biedenkopfs Bürgermeister. Bis er abgewählt wurde. Jahrelang habe er gebraucht, um darüber hinwegzukommen, sagt der 69-Jährige. „Ich habe mich persönlich verfolgt gefühlt.“

Nach 40 Jahren in der CDU kehrt er 2015 den Christdemokraten den Rücken. Schon länger sei er mit Merkels Politik unzufrieden gewesen. Die Flüchtlingskrise habe ihm dann noch den „Rest gegeben“. Eigentlich will er dann mit seiner dritten Ehefrau seinen Ruhestand genießen. Aber die heimische AfD fragt an, Bolldorf sagt zu. „Politik zu machen, das ist so ein bisschen wie eine Sucht“, gibt er zu und nippt im Restaurant am Schloss an seinem Kaffee. Der Wirt hat am Ruhetag extra aufgesperrt.

Der Fraktionsvorsitzende der AfD im Kreistag hat gute Chancen, in den Landtag einzuziehen. Er steht auf Listenplatz 7. Holt die AfD sechs Prozent der Wählerstimmen, geht’s für Bolldorf nach Wiesbaden. „Konservative Politik“ will er dann betreiben. Die CDU sei ja viel zu sehr nach links gerückt. Dass es AfDler gibt, die unter anderem in Chemnitz offen Seite an Seite mit Rechtsextremen marschieren, findet Bolldorf nicht gut. „Hätte ich nicht gemacht.“

Zur Person

Name: Karl Hermann Bolldorf
Alter: 69
Wohnort: Biedenkopf
Mitglied der AfD seit: 2016
Listenplatz Landesliste: 7
Beruf: Bürgermeister a. D.

Dass es in Chemnitz allerdings wirklich Hetzjagden auf Ausländer gegeben habe, bezweifelt er, zieht dafür Maaßens Aussagen heran. Außerdem wisse man ja gar nicht, wer wen provoziert habe. „Falls es wirklich zu Hetzjagden gekommen sein sollte, verurteile ich das. Ich bin gegen Gewalt. Egal ob von rechts oder links“, betont er und erinnert an die linken G20-Krawalle in Hamburg. Generell findet er gut, seine „berechtigte“ Sorge darüber auszudrücken, „was die Migranten betreffe“.

Denn: „Offensichtlich sitzt bei diesen Personen die Hand zum Messer lockerer.“ Das sagt Bolldorf. Einfach so. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Seine Erklärung: „Menschen aus einem islamisch geprägten Kulturkreis neigen schneller dazu, zum Messer zu greifen und zuzustechen“, betont er. Das habe mit „deren patriarchalischer Erziehung, der Kultur zu tun“. Man würde das ja immer wieder lesen. „Überall, wo jetzt Übergriffe waren, waren Zugereiste beteiligt.“ Aber er wolle ja nicht pauschalisieren.

Bolldorf ist Nachkriegskind und legt Wert darauf, von „Zugereisten“ zu sprechen. Gegen „echte Flüchtlinge“ habe er nichts, aber die meisten seien nur hier, um „die Vorteile eines funktionierenden Sozialstaates auszunutzen“.

Der 69-Jährige erzählt von einem Erlebnis in Ockershausen. Dort habe er in einem Café gesessen und die Straße beobachtet. „Da kam dann so ein junger Flüchtling mit einem teuren Fahrrad vorbeigefahren, mit Nike-Turnschuhen, teuren Klamotten und einem besseren Handy, als ich es habe.“ Zeitgleich sei ein Rentner vorbeigegangen und habe Flaschen aus einem Mülleimer gesammelt.

Das habe ihn betroffen gemacht. „Flüchtlinge kriegen hinten und vorne das Geld reingeschoben und wir können jedem Pfennig hinterherlaufen“, sagt er und nennt zwei Lösungen für diesen „krassen Gegensatz“: Fluchtursachen bekämpfen und ein Einwanderungsgesetz erlassen. Was denn die AfD für die Rentner machen will, da hat Bolldorf keine Antwort. „Die AfD hat in Sachen Rente noch kein abschließendes Konzept“, gibt er zu und plädiert für ein umlagefinanziertes Rentensystem.

Darauf angesprochen, dass es sehr fragwürdig ist, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen und zu kategorisieren, sagt er: „Augenscheinlich, war es ein Zugereister. Er war allem Anschein nach nicht in Marburg geboren.“ Warum? „Er hat arabisch gesprochen. Es war ein Zugereister. Glauben Sie mir. “

Bolldorf bezeichnet sich selbst als „misstrauisch, aber gutmütig“. Er bezweifelt vieles: Streitet ab, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Bezweifelt, dass immer die Wahrheit berichtet werde. Er stellt die Kriminalitätsstatistik in Frage, die besagt, dass der Anteil der Ausländerkriminalität nicht eklatant gestiegen sei. Nein, vielmehr werde „von oben“ verschwiegen, wenn ein Ausländer an einer Straftat beteiligt sei. Darüber hinaus bezweifelt Bolldorf, dass der Islam an sich eine friedliebende Religion sei. Die Politik der geschlossenen Grenzen von Ungarns Regierungschef Orban findet der Ehrenbürger von Biedenkopfs ungarischer Partnerstadt „hervorragend“.

Das Familienbild der AfD unterstützt er größtenteils. Es sieht klassisch Vater, Mutter, Kind vor. Aber eigentlich sei nichts dagegen einzuwenden, wenn zum Beispiel zwei Frauen ein Kind aufziehen würden. „Das Kindeswohl steht an erster Stelle“, sagt der vierfache Vater, von denen zwei Kinder adoptiert sind.

Schlimm findet er den „Genderwahn“. Es gebe als Geschlecht nur Mann und Frau. Er sei gegen „diese Umerziehungsprogramme in der Schule“. Wo und wie es diese Umerziehungsprogramme geben soll, weiß er nicht. „Ich gehe ja nicht mehr in die Schule, aber da sind wohl welche. Da wird eine Pädagogik verfolgt, die sich auf eine Vielzahl von Geschlechtern bezieht.“

Wenn er im Landtag sitzt, will er den ländlichen Raum stärken, die Ortskerne beleben, bezahlbaren Wohnraum schaffen. Eines will er gleich angehen: Er will einen Antrag stellen, dass „Wahlgeschenke von Regierungshandelnden nur bis drei Monate vor der Wahl zulässig sind. Denn ihm missfällt, dass sein Mitbewerber Finanzminister Dr. Thomas Schäfer „jeden Tag in der Zeitung zu sehen ist, wie er Steuergelder verteilt.“ Er schätze Schäfer sehr, er sei nur in der falschen Partei.

von Nadine Weigel