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Hessen "Es gibt keine Rückkehr zu G9"
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21:32 08.08.2012
„G8 ist möglich“: Die hessische Kultusministerin Nicola Beer (FDP) hält an dem Kurs der Koalition fest. Quelle: Arne Dedert/Archiv
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OP: Frau Beer, was haben Sie in den großen Ferien gemacht?

Nicola Beer: Ich bin in diesem Jahr nicht weggefahren, sondern habe mit meinen beiden Söhnen lediglich ein paar Ausflüge gemacht. Ansonsten stand viel Heimarbeit auf dem Programm. Da ich erst kurz im Amt bin, stapeln sich natürlich die Projekte auf meinem Schreibtisch, wie beispielsweise die Reform der Bildungsverwaltung, der Islamkundeunterricht oder auch G8 und G9. Da mussten viele Gespräche geführt werden.

OP: Apropos G8. Würden Sie heutzutage selbst gern noch einmal zur Schule gehen?

Beer: Absolut. Ich bin früher schon gern zur Schule gegangen, finde aber, dass die Schüler heute zu mehr Selbstständigkeit erzogen werden. Auch wird viel mehr projektbezogen und interdisziplinär unterrichtet. Das wäre mir sehr entgegengekommen.

OP: Würden Sie sich für G8 oder G9 entscheiden?

Beer: Ganz klar für G8. So haben die Schüler viel mehr Zeit, vor dem Studium noch andere Erfahrungen zu machen und ihren Horizont zu erweitern. Etwa ein Jahr im Ausland zu verbringen, sich sozial zu engagieren oder eine Ausbildung zu machen.

OP: Kritiker der verkürzten Schulzeit bemängeln jedoch, dass den Schülern während ihrer Schulzeit keine (Frei-)Zeit mehr bleibt.

Beer: Das stimmt so nicht beziehungsweise hängt davon ab, wie die Schulen G8 umsetzen. Wir haben die Lehrpläne mit Blick auf die kürzere Schulzeit überarbeitet und zahlreiche Verbesserungen geschaffen. Jetzt müssen wir darauf achten, dass diese auch so umgesetzt werden und die Schulen nicht in alte Gepflogenheiten zurückfallen. So haben wir unter anderem Kontingentstundentafeln eingeführt, die es den Schulen ermöglichen, Lerninhalte flexibel und variabel über die Jahre zu verteilen. Sprich: Sie können also sozusagen Stoff aus ohnehin arbeitsintensiven Schuljahren in andere, weniger stark belastete Jahrgänge verschieben. Das ist aber nur eine Neuerung aus einem Gesamtpaket, das wir Ende September vorstellen wollen. Ich sage aber auf jeden Fall: G8 ist möglich.

„Werden ein wachsames Auge auf Partner haben“

OP: Wenn Sie sagen, dass G8 so gut funktioniert, warum sollen die Gymnasien dann ab dem Schuljahr 2013/2014 doch wieder zur neunjährigen Schulzeit bis zum Abitur zurückkehren können? Rudern Sie langsam zurück?

Beer: Keineswegs. Wir reagieren damit auf vielfachen Wunsch der Eltern. Denn natürlich ist klar, dass nicht alle Schüler gleich schnell lernen. Deshalb soll für Gymnasien künftig dasselbe gelten, was für Gesamtschulen bereits gilt. Aller­dings müssen die Schulen, die zu G9 zurückkehren wollen, vorher ein genaues Konzept vorlegen, und wir werden genau hinschauen. Denn politisch gewollt ist nach wie vor G8. Eine komplette Rückkehr zu G9 wird es in Hessen nicht geben. Aber ich gehe ohnehin davon aus, dass sich der Großteil der Gymnasien für die verkürzte Schulzeit entscheiden wird.

OP: Für das Schuljahr 2013/2014 steht eine weitere Neuerung im hessischen Schulsystem an. Sie planen die Einführung eines bekenntnisorientierten Islam­unterrichts. Ist der Termin realistisch? Zumal vor dem Hintergrund der jüngsten Äußerungen des stellvertretenden CDU-Fraktionsvorsitzenden Hans-Jürgen Irmer, der die türkische Moscheenvereinigung Ditib als ungeeigneten Partner bezeichnet hat.

Beer: Die Äußerungen von Herrn Irmer bewerte ich als subjektiv geäußerte Einzelmeinung, die ich nicht weiter kommentieren möchte. Nur soviel: Wir werden natürlich ein wachsames Auge auf die Partner und ihren Unterricht haben. Wir sind auf dem Auge nicht blind. Derzeit sind wir allerdings noch in der Prüfungsphase. Auf jeden Fall liegen uns mehrere Gutachten vor, religionswissenschaftliche und juristische, wonach der von uns geplante bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Was die Einführung zum Schuljahr 2013/2014 betrifft, bin ich auch deshalb zuversichtlich, weil beide Organisationen, also sowohl der hessische Ditib-Landesverband als auch die Gemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat e.V., ein Curriculum vorgelegt haben, auf das sich beide Seiten einlassen können. Schließlich müssen sich beide Partner unter anderem zur Gleichberechtigung von Mann und Frau oder auch zur Toleranz bekennen.

OP: Schauen Sie bei Ihren Planungen auch ins Nachbarland NRW, wo der islamische Religionsunterricht bereits in diesem Jahr eingeführt wird?

Beer: Nein. Natürlich kenne ich das nordrhein-westfälische Modell, aber ich glaube nicht, dass es mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Denn nicht der Staat darf entscheiden, welche Gemeinschaft wen unterrichtet. In Hessen entscheiden die Religionsgemeinschaften selbst.

Das Interview führte Anja Luckas

Zur Person:

Nicola Beer wurde am 23. Januar 1970 in Wiesbaden geboren.n Nach dem deutsch-französischen Abitur machte sie zunächst eine Ausbildung zur Bankkauffrau, bevor sie an der Universität Frankfurt Rechtswissenschaften studierte.n Seit 1995 ist sie Mitglied des Landesvorstands der FDP Hessen, seit 2007 gehört sie außerdem dem Bundesvorstand der Partei an.n Im April 1999 zog sie für die Liberalen in den Landtag ein, wo sie durchgehend bis 2009 ein Mandat hatte.n Von 2009 bis 2012 arbeitete sie als Staatssekretärin für Europa im Hessischen Ministerium der Justiz, für Integration und Europa, bevor sie am 31. Mai dieses Jahres das Amt der Kultusministerin übernahm.

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