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Die letzten Nächte im Protest-Camp

Occupy Die letzten Nächte im Protest-Camp

Stimmt es, dass Ratten durchs Camp streunen und der Protest längst nicht mehr politisch ist? Ein Nachtgespräch mit den Dauercampern.

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Julian lebt schon seit langem auf der Straße und ist im Camp nur zu Besuch, der Frankfurter Schlosser J.B. war von Anfang an im Frankfurter Camp dabei und hat nicht vor, es am Dienstag zu verlassen. Marvin ist gekommen, als das Camp in Stuttgart beendet war. 

Quelle: Thomas Strothjohann

Frankfurt. Die Zelte stehen dicht beieinander. Über den ganzen Platz verteilt haben sich Grüppchen gebildet. Sie haben keine Kerzen oder Öllampen, wie man sie im Campingurlaub sieht - die Straßenbeleuchtung am Willi-Brandt-Platz hüllt das Camp in ihr gelbes Licht. Richtig dunkel wird es hier nie - richtig ruhig auch nicht.

Alin sitzt mit seinen rumänischen Bekannten auf zusammengesammelten Stühlen vor seinem Zelt. Er kannte die Landsleute vorher nicht, aber im Camp halten sie zusammen: „hier sitzen wir Rumänen, da drüben die Spanier, dahinter die Araber“, sagt Alin. Was sie herführt, interessiert ihn nicht. Jeder habe seine eigenen Probleme und Ziele.

Julian (r.u.) lebt schon seit langem auf der Straße und ist im Camp nur zu Besuch, der Frankfurter Schlosser J.B. (mitte) war von Anfang an im Frankfurter Camp dabei und hat nicht vor, es am Dienstag zu verlassen. Marvin (hinten) ist gekommen, als das Camp in Stuttgart beendet war.

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Er fürchtet sich nicht vor dem Dienstag, obwohl dann das Camp geräumt werden soll. Nach vierzig Wochen Occupy Frankfurt fordert die Stadt die Besetzer auf, bis Dienstag alle Zelte abzubauen.

„Jeder im Camp hat seine Gründe hier zu sein.“

Alin ist 27 Jahre alt, er findet auch woanders einen Platz zum Schlafen, andere, die ihre ganze Familie dabeihaben, hätten es schwerer. Seine eigene Familie hat Alin vor vier Wochen in Rumänien zurückgelassen. Zu Hause verdient er als Feuerwehrmann nur 300 Euro im Monat. Damit kann er gerade einmal Essen für zwei Kinder und seine Frau finanzieren. Jetzt will er in Frankfurt Arbeit finden. Er spricht zwar kein Deutsch, aber fließend Englisch und Französisch - einen LKW-Führerschein hat er auch. Morgen will er mit einem „Patron“ sprechen, der auch Bekannten schon Arbeit auf einer Baustelle verschafft hat. Alins Situation ist schwierig, aber was hat sein Problem mit dem politischen Protest der Occupy-Bewegung zu tun? Alin sieht sich zwar als Occupy-Anhänger, sein Protest richtet sich aber eher vage gegen die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse in seiner Heimat. Mit dem europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) und spanischen Banken hat Rumänien nur indirekt zu tun - dort bezahlt man mit Leu, nicht mit Euros.

In der Mitte des Camps steht ein Pavillon, wie er normalerweise bei Grillpartys mit unsicherer Wetterprognose eingesetzt wird. Von hier aus wird der politische Protest organisiert und im Internet kommuniziert. Es gibt Strom und WLAN.

Wo klettert die Ratte hin?

Ero erkennt sofort, wenn jemand von außen ins Camp kommt und startet sein Informationsprogramm. Er hat es schon so vielen Interessierten und Nichtinteressierten vorgetragen, dass es geradezu aus ihm herausblubbert. Sein Vortrag besteht aus Bausteinen, die sich zur späten Stunde teilweise wiederholen. Die Formulierungen bleiben weitgehend gleich. Der hagere Mann steht kerzengerade da und gibt bereitwillig Auskunft: er habe nicht vor, das Camp zu verlassen. Er sei schließlich gekommen, um gegen die Kapitalherrschaft und die soziale Kälte zu demonstrieren und die habe sich in den vergangenen Monaten eher noch verstärkt. Während Ero erzählt, geht das Leben um uns weiter: Eine Ratte kreuzt den Fußweg, schleicht um die behaarten Beine, die aus einem Zelt herausragen und verschwindet. Ob sie in das Zelt klettert oder darunter, ist schwer zu sagen. Europaletten, die die Zelte bis vor Kurzem vor den Regenmassen schützten, bieten den Ratten jetzt Unterschlupf.

Ero weiß, wie Besucher auf solche Szenen reagieren, er weiß aber auch, darauf zu reagieren: „Hier konzentriert sich all das, was viele Städter lieber ausblenden.“ Einen Penner in der Stadt, eine Ratte in der U-Bahn-Station könne man gut ignorieren - das Camp aber nicht.“ Ero weiß auch, warum Obdachlose und Junkies so stark im Camp vertreten sind: „im Gegensatz zu allen anderen behandeln wir diese Leute menschlich.“

Menschlich heißt in diesem Fall aber nicht, dass Occupy ein Ort der Nächstenliebe ist, an dem die Demonstranten sich um gestrandete Persönlichkeiten und Drogenabhängige kümmern. Sie haben ja selber kein Geld, keine Duschen oder Betten. Als ein abgemagerter Mann mit Alkoholfahne und zerrissenem T-Shirt bittet, ihm einen Krankenwagen oder ein Taxi in ein Krankenhaus zu bestellen, wiegelt auch Ero ab. Er könne ihm nur 20 Cent anbieten. Der Fremde zieht weiter, murmelt was von Suizid und brüllt später Passanten an, die ihm auch nicht helfen wollen - er sei nicht betrunken.

Kann die Stadt Protest aus Hygienegründen verbieten?

Ero erzählt, wie er vor Monaten schon gegen den ESM protestierte, als, wie er sagt, noch kein Journalist verstanden hatte, worum es dabei geht.

Man kann nicht sagen, dass die Occupy-Bewegung nicht mehr politisch ist, die hygienischen und sozialen Probleme lassen sich aber auch nicht leugnen.

Die Frage ist, ob die Stadt ein Protestcamp deshalb verbieten kann. Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) sagt, dass es nach dem 31. Juli kein Protest-Zeltlager mehr geben werde. In den vergangenen Wochen habe sich „das politische Protestlager immer mehr zu einem Camp sozialer Randgruppen mit inakzeptablen Begleitumständen gewandelt“. Auch wenn die Okkupisten sich an den Ratten nicht stören, bieten sie dem Ordnungsamt eine Angriffsfläche: Die Zelte müssen jetzt weg, so der Ordnungsdezernent, „um eine dringend erforderliche Schädlingsbekämpfungsmaßnahme durchführen zu können.“ Protestieren müssten die Aktivisten dann in einer anderen Form.

Marvin gibt nicht viel auf solche Ankündigungen. Der Schwabe hat die vergangenen drei Jahre in Protestcamps verbracht und ist erst nach Frankfurt gekommen, als das Camp in Stuttgart endgültig beendet war. Neben ihm sitzt ein Frankfurter Schlosser, der sich J.B. nennt. J.B. ist sich sicher, dass er den Platz am Dienstag nicht verlassen wird. Er ist beruflich darauf spezialisiert Verbindungen zu schmieden, die selbst mit schwerem Gerät nicht zu knacken sind - und mitten auf dem Platz steht eine Kastanie, die J.B. gerade so umarmen könnte.

von Thomas Strothjohann

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