Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hessen Biblis spürt das Aus für die Atomkraft - Gemeinde sucht ein Konzept
Mehr Hessen Biblis spürt das Aus für die Atomkraft - Gemeinde sucht ein Konzept
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:27 15.02.2012
Das AKW Biblis wurde vor zehn Monaten vom Netz genommen. Foto: Boris Roessler
Biblis

Das Aus für die Kernkraft bekommen nicht nur die Betreiber, sondern auch die Kommunen zu spüren. In Biblis, einziger Atom-Standort in Hessen, beherbergen Hotels und Gaststätten wegen fehlender Fremdfirmen schon nicht mehr so viel Gäste. Die Kommune mit 9.000 Einwohnern muss sich darüber hinaus auf sinkende Steuereinnahmen einstellen. Das Atom-Aus in Deutschland ist eine Konsequenz aus der Fukushima-Katastrophe in Japan vor fast einem Jahr.

"Wir arbeiten an einem Konzept für Strukturwandel", sagte die Bürgermeisterin von Biblis, Hildegard Cornelius-Gaus (parteilos). Im Mai soll es losgehen, das Konzept im April nächsten Jahres stehen und die Frage beantworten: "Wo soll die Gemeinde Biblis sich hinentwickeln?"

Im Atomkraftwerk hat es die ersten Schritte zum Arbeitsplatzabbau bereits gegeben. Von den rund 300 Beschäftigen der Fremdfirmen mussten 250 schon gehen. In diesem Jahr sollen 165 Stellen des Betreibers RWE gestrichen werden, die Mannschaft wird von 635 auf rund 470 Beschäftigte verkleinert. Für die RWE-Leute scheint es halb so schlimm zu kommen. "Wir sind zuversichtlich, innerhalb des Konzerns ein Angebot zu finden", meinte RWE-Sprecher Jan Peter Cirkel.

Bei wem das nicht gelingen sollte, der hat mit ziemlicher Sicherheit das Nachsehen. "Das ist wie bei Manroland in Offenbach", schätzte die Sprecherin der Arbeitsagentur, Angela Köth, ein. "Die Chancen stehen gut, wenn man mobil ist. Die RWE-Beschäftigten verdienen aber vermutlich gut, müssen sich auf Einbußen einstellen."

Die Gemeinde braucht neue Arbeitsplätze. "Nach dem Standort-Entwicklungskonzept werden wir uns auch mit der Ansiedlung von Firmen beschäftigen, stärker als sonst", sagte Cornelius-Gaus. "Es ist nicht leicht, 1.000 Stellen zu ersetzen", meinte die 59-Jährige. "Sparen ist angesagt, das ist ganz klar. Aber es ist ad hoc nicht leicht." Welche Dienstleistungen und Angebote die Gemeinde Biblis streichen muss oder beibehalten will, dabei soll das Standort-Entwicklungskonzept helfen. "Mit Sicherheit wird aber nicht an der Kinderbetreuung gerüttelt."

Dass im AKW Arbeitskräfte fehlen, bekommen einige in Biblis bereits jetzt zu spüren. "Klar, man merkt das schon", berichtete Gästezimmer-Vermieter Harald Orban. Das Geschäft sei um etwa 50 Prozent zurückgegangen, meinte der 46-Jährige. Hauptsächlich fehlten Fremdfirmen und die Monteure für die Revisionen des Atomkraftwerkes. Bei Siegbert Ochsenschläger (47) von den Landhaus-Apartments ist es nicht anders. "Es sind schon 40 Prozent der Gäste weg. Biblis war schon ein Wirtschaftsfaktor für die Region." Orban bietet sieben Betten an, Ochsenschläger zwölf. Auch das Hotel und Restaurant Lindenhof hat Einbußen bei den Übernachtungen. "Wir hängen zu 80 Prozent vom Atomkraftwerk ab", erklärte Besitzer Andelko Pehar (62).

Was sich bei den Übernachtungen bemerkbar macht, dürfte nach Ansicht des Wirtschafts- und Verkehrsvereins Biblis erst der Anfang sein. Wenn nach den Fremdfirmen auch noch die RWE-Mitarbeiter fehlen, seien noch andere Bereiche betroffen, befürchtete der Vorsitzende Bruno Neumann (57). "Das ganze Gewerbe ist eher abhängig vom ständigen AKW-Personal."

Auswirkungen auf die Arbeitsplätze wird auch noch die Entscheidung haben, wie es mit dem Atomkraftwerk Biblis weitergehen soll. Zur Alternative stehen ein sofortiger Rückbau, als andere Möglichkeit ein sicherer Einschluss, eine Versiegelung. "Die Chance, dass mehr Beschäftigte sinnvoll eingesetzt werden können, ist beim Rückbau größer als bei einer Versiegelung", sagte Cirkel.

dpa