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Aktionsbündnis soll Ärzten das Land schmackhaft machen

Gesundheit Aktionsbündnis soll Ärzten das Land schmackhaft machen

Die Kassenärzte haben die Ansiedlungsförderung aus Eis gelegt. Im Land blüht der Wildwuchs. Und Wiesbaden ist verärgert.

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Ein Arzt misst in seiner Praxis einer Patientin den Blutdruck.

Quelle: Bernd Weissbrod/Archiv

Frankfurt/Main. Eine Praxis auf dem Land ist für junge Mediziner oft nicht attraktiv - wie lockt man also den Nachwuchs trotzdem in unterversorgte Gebiete? Mit Geld-Anreizen allein ist das Problem nicht zu lösen, glaubt die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Sie schlägt ein "Aktionsbündnis für das ländliche Hessen" vor, an dem die gesamte Gesellschaft mitarbeiten soll. "Insellösungen bringen uns nicht weiter", sagte der Vorstandsvorsitzende Frank Dastych am Dienstag in Frankfurt. Das Sozialministerium in Wiesbaden reagierte kühl: Der aktuelle Vorschlag "würde lediglich Parallel-Strukturen, aber keine neuen inhaltlichen Impulse schaffen", sagte Sprecherin Esther Walter der Deutschen Presse-Agentur.

Das Problem:

In Hessen sind laut KV etwa 180 Arztsitze vakant, rund 150 davon sind Hausärzte. Die meisten fehlen in Gegenden, die nicht nur für Arzte unattraktiv sind: Kreise, in denen die Bevölkerung altert und die Zahl der Bewohner schrumpft, die Verkehrsanbindung schlecht und das Internet langsam ist. In den nächsten Jahren werden noch viel mehr Landärzte gesucht werden, sagt die KV, weil viele Ärzte altersbedingt aufhören.

Die Ursachen:

Eigentlich gibt es so viele Medizinstudenten wie selten zuvor. Aber junge Ärzte, die inzwischen in der Mehrheit weiblich sind, wollen bevorzugt in Teilzeit arbeiten und lieber angestellt als selbstständig sein. Eine Umfrage zeigt, warum sie auf eine Niederlassung verzichten: wirtschaftliche Zwänge, zu viel Bürokratie, Angst vor Regressen, zu wenig Freizeit.

Die Potenziale:

Zum Beispiel in Kliniken. Laut KV ist die Zahl der Ärzte in Krankenhäusern in den letzten Jahrzehnten viel stärker gestiegen als die der niedergelassenen Kollegen. Viele kleine Krankenhäuser hätten schon längst geschlossen werden müssen, sagt der KV-Chef. Dort würden "viele ärztliche Ressourcen "verbrannt"". Auch in den Ballungszentren könnte man fündig werden. Auf einen frei gewordenen Sitz für Gynäkologen in Frankfurt hätten sich kürzlich 24 Kandidaten beworben.

Streit um Anreize:

In vielen Bundesländern werden Niederlassungsprämien bezahlt. Die KV Hessen findet das einen "absurden Überbietungswettbewerb" und macht seit dem Sommer nicht mehr mit. Die Ansiedlungsförderung, die Anfang des Jahres erst von 50 000 auf 60 000 Euro erhöht worden war, wurde auf Beschluss der Vertreterversammlung der KV im Sommer ausgesetzt. Einer der Gründe: Es gab zu viele "Mitnahme-Effekte" von Ärzten, die nach wenigen Jahren weiterzogen oder in Rente gingen.

Kritik an Bürgermeistern und Landräten:

"Da draußen macht jeder, was er will", sagte Dastych, der als Hals-Nasen-Ohrenarzt im Kreis Waldeck-Frankenberg praktiziert. Gemeint sind Kreise und Kommunen, die eigenmächtig Förderprogramme auflegen und sich damit gegenseitig die wenigen Kandidaten abjagen. "Wir bitten die Bürgermeister und Landräte, das mit uns zu diskutieren", sagt sein Kollege Eckhard Starke. Statt Kirchturmpolitik zu betreiben, sei es besser, gemeinsam zu schauen, "was wo gebraucht wird".

Die große Lösung:

"Wir glauben, dass wir längst über den Punkt hinaus sind, an dem eine Institution wie eine Kassenärztliche Vereinigung das Problem der Sicherung der ambulanten medizinischen Versorgung allein bewältigen kann", heißt es in der Presseerklärung. Die KV will daher ein "Aktionsbündnis für das ländliche Hessen" ins Leben rufen. Im Februar 2018 ist eine "Versorgungskonferenz" geplant.

Kleinteilige Forderungen:

Zwölf Forderungen wurden am Dienstag vorgestellt. Sie sind eine bunte Mischung aus allgemeinen Strukturmaßnahmen (beispielsweise Behörden aufs Land verlegen), gesundheitspolitischen Forderungen (wie die Abschaffung der Arzneimittelregresse) und finanziellen Anreizen: Die KV fordert Zuschläge für Landärzte - bezahlen sollen das aber die Krankenkassen.

Kritik aus Wiesbaden: 

Die KV Hessen habe "sich aus der Verantwortung genommen", kritisierte das Sozialministerium: Sie habe ein Förder-Moratorium ausgesprochen und öffentlich dem ärztlichen Nachwuchs empfohlen, sich nicht in Hessen niederzulassen. "Das war ein Schlag für den Niederlassungsstandort Hessen und hat die Sicherung der vertragsärztlichen Versorgung insbesondere im ländlichen Raum erschwert." 

dpa

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