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Marburg Fehler bleiben prägend in Erinnerung
Marburg Fehler bleiben prägend in Erinnerung
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14:27 11.03.2018
Beim Anblick frischer Münzen in der Qualität „Stempelglanz“ schlägt das Sammlerherz höher. Kursmünzen werden aber erst wertvoll, wenn sie in geringer Stückzahl auf dem Markt sind oder beim Prägen Fehler unterliefen. Quelle: Sven Hoppe, Hartmut Berge
Marburg

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. Und nicht nur das: Wer im sogenannten Eurowährungsgebiet unterwegs war, in einem der 19 von 28 EU-Ländern, in denen der Euro offizielles Zahlungsmittel ist, für den könnte sich der Blick ins eigene Portemonnaie lohnen. Manches der unscheinbaren Mitbringsel ist womöglich mehr wert, als man denkt.

Achten sollte man auf Münzen aus Ministaaten wie Monaco, dem Vatikan, San Marino oder Andorra. In diesen Ländern wurden Euro-Münzen in einer deutlich niedrigeren Stückzahl geprägt als in größeren Nationen wie etwa Deutschland oder Frankreich. Entsprechend begehrt sind die Stücke bei Sammlern.

Ein Zwei-Euro-Stück mit dem Konterfei von Monacos verstorbener Fürstin Grace Kelly erschien 2007. Die Auflage: 20 000 Stück. Damals kostete die Münze 60 bis 80 Euro, heute bieten Sammler dafür bis zu 1000 Euro. In Umlauf sind solche Münzen selten, allenfalls infolge der Auflösung eines Nachlasses.

Eine 2014 vom Zwergstaat Andorra geprägte Ein-Cent-Münze, die damals eine Auflage von  200 000 Stück hatte, wird heute mit mehr als 30 Euro gehandelt.

Grundsätzlich gilt: Je niedriger die Auflage der Münze, desto höher kann der Wert sein. Wer also Euro-Münzen aus Europas Ministaaten ergattert hat, sollte­ sich informieren. „Die Höhe der jeweiligen Auflage und dem möglichen erzielbaren Wert kann man am besten über die üblichen Suchmaschinen im Internet recherchieren“, sagt Tanja Beller vom Bundesverband deutscher Banken.

Auch mit Fehlprägungen von Euro-Münzen lässt sich eine Wertsteigerung erzielen. „Es gibt Spezialsammler, die sich dafür interessieren“, betont Beller. Ein Beispiel für eine Fehlprägung:Als Rumänien und Bulgarien im Jahr 2007 der EU beitraten und sich damit der Kreis der Mitgliedsstaaten erweiterte, war die auf der Wertseite abgebildete Europakarte veraltet – sie musste also verändert werden.

Ab dem Jahr 2008 sollte die EU-Osterweiterung auf allen Euro-Münzen sichtbar sein. In einigen Fällen gerieten Münzen aber schon früher versehentlich in Umlauf. So ist eine Zwei-Euro-Münze aus Finnland aus dem Jahre 2006 mit der neuen Europakarte heute durchaus bis zu 100 Euro wert.

Wer seine guten Stücke verkaufen will, sollte in jedem Fall mehrere Münzhändler kontaktieren, rät Ralf Scherfling von der Verbraucherzentrale NRW in Düsseldorf.

Selbst wenn mehrere Händler den Sammlerwert gleich einschätzen, könnten zum Beispiel Gebühren und Aufschläge sehr unterschiedlich ausfallen. „Daher ist es wichtig, mehrere Angebote miteinander zu vergleichen“, ­betont Scherfling.

Im Berufsverband des Deutschen Münzfachhandels haben sich seriöse Händler zusammengeschlossen. Daneben gibt es Münzsammlervereine unter­ dem Dach der Deutschen ­Numismatischen Gesellschaft.

Keine Wertsteigerung haben bislang die sogenannten Starterkits, die zur Euro-Ausgabe in Deutschland im Jahr 2002 auf den Markt gekommen sind. „Der Wert liegt nicht sehr weit über dem Nennwert von 10,23 Euro“, sagt Beller. Eine Ausnahme stellen Starterkits von Kleinstaaten wie etwa Monaco dar. Sind die Münzpäckchen ungeöffnet, dann zahlen manche Sammler dafür durchaus rund 500 Euro.

Grundsätzlich gelte: Je besser der Zustand der betreffenden Münze, desto mehr sei sie wert, sagt Andrea Kleinberg aus dem gleichnamigen Fachgeschäft für Briefmarken und Münzen in der Marburger Oberstadt. Ihr Vater August gründete die Anlaufstelle für Sammler 1953 in der Bahnhofstraße, gut zehn Jahre später wurde der Laden in der „Neustadt“ eröffnet.

Seit 20 Jahren arbeitet die Fachfrau dort und weiß, dass der Geldbeutel der falsche Aufbewahrungsort für seltene und wertvolle Münzen ist. Denn dort reiben sie aneinander, zerkratzen und nutzen sich ab. „Auf keinen Fall sollte man eine vermeintlich wertvolle Münze polieren, denn das hinterlässt feine Kratzspuren, die bekommt man nicht mehr weg, und die mindern den Wert. Lieber grün, schwarz, braun oder sonst wie lassen, das gilt vor allem für teure Sachen“, sagt sie.

Den höchsten Wert haben solche Sammlerstücke in prägefrischem Zustand (Fotos: Hartmut Berge). Der Münzerhaltungsgrad „Stempelglanz“ bedeutet, dass eine Münze keine Umlaufschäden hat. „Polierte Platte“ beziehungsweise „Spiegelglanz“ sind das Beste vom Besten, solche Münzen sind in der Regel nie mit „nackten“ Fingern in Berührung gekommen. Sammler nutzen schützende Verpackungen wie Münzkapseln zur Aufbewahrung. Das vermeide Fingerabdrücke und Beschädigungen, etwa beim Herunterfallen, und die Stücke laufen kaum an. Und wenn eine angelaufene­ Münze doch einmal gereinigt werden müsse, dann verwende man dazu ein spezielles Tauchbad, sagt Andrea Kleinberg und ergänzt: Bei richtig alten Münzen sei die ­Patina sogar hoch geschätzt.

Der Boom zum Sammeln von Münzen, die für den Zahlungsverkehr geprägt wurden, habe mit der Einführung des Euro einen Höhepunkt erlebt, erinnert die Fachfrau. War das Sammeln bis dahin ­eine Männerdomäne, so kamen nun die Frauen mit ins Spiel. „Sie mussten sich zwangsläufig mit dem neuen Bargeld beschäftigen und fanden die Münzen und das Sammeln spannend“, weiß die Marburgerin. „Es entwickelte sich ein regelrechter Boom, es gab extra Vordruck-Alben, in ­denen man sammeln konnte“, berichtet sie.

Als 2004 die 2-Euro-Sonderprägungen auf den Markt kamen, erlebte sie einen weiteren Aufschwung. „Die Sammlerstücke gab‘s zum erschwinglichen Preis“, erklärt sie. Die Leidenschaft bei den Leuten sei viel ausgeprägter gewesen als bei den 5-Euro und später bei den 10-Euro-Sonderprägungen.

Gesammelt wurde nach ihren Worten alles, was in anderen Ländern an Euros neu auf den Markt kam. „Man hatte zeitweise das Gefühl, dass es Zwei-Euro-Stücke kaum über die Grenze schafften. Schon waren sie im Besitz von Sammlern. Und auch heute beobachtet sie: „Aus manchen Ecken Europas kommt nicht viel Neues bei uns an.“

Andrea Kleinberg: Damals war den Leuten ein Stück Fleischwurst wichtiger, als sich ein Geldstück in den Schrank zu legen.

Sehr oft komme Kundschaft ins Geschäft und wolle wissen, was ihre mitgebrachte Münze wert ist. Dabei werde sehr oft ein 50-Pfennig-Stück hervorgeholt, das fast immer nur eines der beiden entscheidenden Merkmale vorweise:  Vorne muss Bank Deutscher Länder und hinten die Jahreszahl 1950 aufgeprägt sein.

„Es muss genau die Kombination sein und nicht eine Ähnliche“, müsse sie immer wieder erklären. In dem Zusammenhang erinnert sie an ihre Kindheit: „Wir haben damals jedes 50-Pfennig-Stück umgedreht.“ In der Kategorie Stempelglanz liegt der Katalogpreis bei solchen Stücken heute bei 1 200 Euro. Dass solche  Fehlprägungen sehr selten und die vorhandenen aus der Nachkriegszeit meist nicht gerade toll erhalten sind, wundert sie nicht. „Damals war den Leuten ein Stück Fleischwurst wichtiger, als sich ein Geldstück in den Schrank zu legen“, erklärt sie. Deshalb sei auch das Germanische Museum auf dem 5-Mark-Stück so selten. „Heute zahlen Sie 400 Euro dafür“, sagt die Expertin.

Wenn Andrea Kleinberg mit altertümlichen Münzen konfrontiert wird, muss sie zuweilen viel Zeit fürs Prüfen und Recherchieren aufwenden. Zustand, Aussehen, Größe, Gewicht, vieles spiele eine Rolle, um die Echtheit zu überprüfen.

Manchmal verweist sie auf ganz andere Experten. Wie im jüngsten Fall, als ein Kunde mit einer römischen Goldmünze vor ihr stand. Ihn schickte sie zu den Altertumsforschern der Marburger Uni.

von Hartmut Berge und unserer Agentur