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Der Mensch ist des Menschen Wolf

„betreff:theater“ zeigt „Die Optimisten“ Der Mensch ist des Menschen Wolf

Das studentische „betreff:theater“ zeigt am Freitag und Samstag noch einmal ihre Produktion „Die Optimisten“ aus der Feder des Autors Moritz Rinke. Die Premiere in der Waggonhalle war ausverkauft.

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Maria Werner (von links), Anne Boland, Annabelle Behnke, André Schönherr und Marlene Biebricher in einer Szene aus „Die Optimisten“.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. Wie wird aus Machtlosigkeit animalische Aggressivität? Fünf bürgerliche Touristen auf Bildungsurlaub stranden aufgrund einer Buspanne in einem abgelegenen Hotel in Nepal, kurz vor dem Aufbruch nach Indien zu einer globalisierungskritischen Konferenz. Ihren Urlaub vertreibt sich die Gruppe mit Yoga, marxistischen Lesezirkeln sowie politischen und ethischen Debatten, bei denen nach Herzenslust aneinander vorbei palavert wird.

Moritz Rinkes Figuren sind zwar stark von Stereotypen geprägt, doch derer bedarf es eben, um Fronten und Konfliktlinien zu etablieren: Da sind der narzisstische und zynische Regisseur (David Brehm), die spirituelle Radiomoderatorin (Maria Werner), die idealistische und geifernde Studentin (Marlene Biebricher), die pragmatische Ärztin (Annabelle Behnke) und der selbst ernannte Marxist (André Schönherr), der die revolutionäre Haut längst abgestreift und es sich im Staatsdienst gemütlich gemacht hat.

Das Scheitern an den eigenen Ansprüchen

Diese höchst diversen Figuren mit noch unterschiedlicheren Auffassungen vom Weltheil lässt Rinke wie hungrige Wölfe von der Leine und aufeinander los – zunächst nur verbal. So weit kein Grund zur Aufregung. Doch die Idylle im Hochgebirge ist trügerisch. Denn schon bald wird die Gegend von maoistischen Rebellen heimgesucht, die es auf Blut abgesehen haben. Als die erste Leiche auftaucht, und der Reisegruppe ­eine Truhe voller Sturmgewehre in die Hände fällt, nimmt das Unheil seinen Lauf.

„Das Thema des Stücks sind die Ansprüche an sich selbst und das Scheitern an ihnen. Vielleicht sind es auch hoffnungslose Optimisten, die sich im Innern über ihre Machtlosigkeit bewusst sind“, sagt Olufemi Atibioke, der zusammen mit Anna Di Biase ein gelungenes Regiedebüt feiert. Das Duo hielt sich „stark“ an den Urtext.

Jeder der Charaktere scheitert. Einer nach dem anderen wird demaskiert und entblößt, bis die „Weltverbesserer“ die zivilisierten Verhaltensweisen aus den Hotelfenstern werfen und wie Raubtiere über ihre Mitreisenden herfallen. Der Mensch ist dem Menschen anscheinend doch ein Wolf. Es bedarf nur der richtigen Situation.

Nur die Aufnahmen vom Band sind monoton

Aus dem guten Ensemble, das Rinkes schwarzen Humor gut meistert, stechen zwei Akteure deutlich heraus: David Brehm gefällt in der Rolle des selbstgefälligen und taktlosen Trampeltiers, das die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Auch Maria Werner als Moderatorin der Radioshow „Von Sonnenstaaten und Sonnenmenschen“ macht als nerviges Plappermaul, das zur hungrigen Nymphomanin degeneriert, eine famose Figur.

Löblich ist auch das Bühnenbild, das von üppig ausgestatteter Hotelbar bis hin zum Gemeinschaftsraum mit buddhistischer Inneneinrichtung, wo sich das gesamte Stück abspielt, recht aufwändig ist. Einzig die von Band kommenden Audioaufnahmen der Radiomoderatorin, die dem Publikum als zeitliche Orientierungspunkte dienen und wie Tagebucheinträge wirken, sind zu monoton. Hier wäre eine emotionalere Herangehensweise authentischer.

Die Premiere am Donnerstag voriger Woche war ausverkauft. Für das „betreff:theater“ ist „Die Optimisten“ bereits die 19. Produktion. Weitere Aufführungen sind am Freitag und Samstag jeweils ab 20 Uhr in der Waggonhalle.

von Benjamin Kaiser

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