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Zynischer und witziger Welterklärer

Kabarett Zynischer und witziger Welterklärer

Hagen Rether ist zurzeit einer der beliebtesten Kabarettisten. Viele der 1.024 Fans nahmen lange Anreisen und sogar Stehplätze in Kauf, um ihn am Samstagabend in der Marburger Stadthalle erleben zu können.

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Hagen Rether überzeugte mit beißendem Spott.

Quelle: Schubert

Marburg. Dabei ist es keine leichte Kost, die Rether seinen Besuchern zumutet. Viele dürften sich ein- oder mehrmals „ertappt“ gefühlt haben bei der Fülle an Themen und Verhaltensweisen, die Hagen Rether während seines dreieinhalbstündigen Mammutprogramms anprangerte.

Sei es, dass der überzeugte Vegetarier angesichts qualvoller Massentierhaltung über das deutsche Hobby „Grillen“ spottete oder von der Bekannten erzählte, die schnell noch mal auf die Malediven jettet, weil diese ja infolge des Klimawandels in Kürze untergingen. Die Kritiker des Nobelpreises für Obama, die sagen, „der hat doch nichts gemacht, nur geredet“, wies Rether zurecht: „Die Leute hatten acht Jahre einen Präsidenten, der nur gemacht und nicht geredet hat.“

Sein Arsenal an Ironie, Sarkasmus und Zynismus schleuderte er mit rasiermesserscharfer Zunge ins Publikum, im oft einlullend gemütlich wirkenden Plauderton, aus dem die Pointen immer wieder hervor und zielsicher ins Zwerchfell stachen. „Das Unappetitliche an meinem Programm ist, dass nichts erfunden ist“, warf er zwischendurch ein. Dessen hätte es gar nicht bedurft, das leicht unangenehme Gefühl, über eigentlich furchtbare Dinge zu lachen, stellte sich immer wieder ein.

In überraschenden Parallelen offenbarte Rether so manche kleine Wahrheit: „So viele Bomben kann El Kaida gar nicht bas teln, wie die an der Wallstreet Derivate verkauft haben. Die können nur Häuser kaputt machen, aber jene zerstören ganze Systeme.“

Eines seiner Lieblingsthemen, die Religion, durfte nicht fehlen. „Der Kampf der Kulturen ist immer nur ein Kampf der Religionen. Gott interessiert das überhaupt nicht. Gott hat Humor, er hat Meerschweinchen gemacht“, sagte Rether und verwandelte sich mimisch in solch putziges Nagetier.

„Diese ganzen Religionen sind ein einziger feuchter Männertraum – von Männern für Männer. Und die Frauen haben immer die Arschkarte. Jeder deutet jeden Halbsatz, wie er möchte“, urteilte der Kabarettist. „Die einen Frauen sind Gebärmaschinen, die anderen müssen Kopftücher tragen, die nächsten werden beschnitten, weil-s irgendwie in irgendeinem Nebensatz steht“, sagte er und fas ste seine Vorstellung zusammen: „Demut vor der Schöpfung und Nächstenliebe, fertig ist die Religion. Mehr braucht kein Mensch und darauf lassen sich alle reduzieren, wenn man will. Aber man will nicht.“

Zwei großartige Musikparodien bereicherten das Programm: Mit dem „Earth Song“ war der verstorbene „König des Pop“ Michael Jackson vertreten, und bei Rethers textlich verschärfter Version von Herbert Grönemeyers „Männer“ fielen die Besucher vor Lachen fast von den Sitzen, als der Künstler singend gackerte und gluckste wie ein Huhn.

Gegen Ende wurde das Programm immer bitterer: Deutlich prangerte Rether unser aller Mitverantwortung als Waffen exportierende Nation oder als Beteiligte am Afghanistan-Einsatz an. Von unserer „überlegenen Moral“ des Westens ließ er nicht viel übrig. „Wie wäre es, wenn man unsere Weinberge bombardieren würde? Wissen Sie, wie unsere Drogenbarone heißen? Winzer! Bei denen heißt das Droge, bei uns Kultur“, sagte Rether und sprach vom legal geförderten Alkoholismus.

„Die Fleischindustrie macht uns zu Barbaren, das Gammelfleisch liegt bei uns auf den Sofas rum“, ätzte er, legte den Finger auf gesellschaftliche Wunden wie Rassismus, Ausgrenzung und Kopftuchangst. Kein Wunder, dass kaum ein Kabarettist mehr polarisiert als Rether und er in vielen Internet-Blogs angegangen wird.

Den grandiosen Abschluss des anspruchsvollen, zugleich Geist und Gewissen anregenden Abends bildete sein umgedichtetes Vaterunser: Mit umwerfender Polemik gegen die Bigotterie und Ignoranz der Wohlhabenden dieser Welt gegenüber der Ausbeutung der Armen.

von Manfred Schubert

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