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Zwischen Marburg und Moskau

Einer von hier Zwischen Marburg und Moskau

Wo Alex auftaucht, geht es alles andere als friedlich zu: Der Lärm ist ohrenbetäubend. Menschen springen umher. Es wird geschubst und gegrölt.

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Wenn Alexander Kaschte mit Samsas Traum auf der Bühne steht, gibt es im Publikum kein Halten mehr. Der Wahl-Marburger provoziert und begeistert gleichermaßen.

Quelle: Richter

Marburg. Sucht man nach Alexander Kaschte im Internet, spuckt die führende Suchmaschine über 36.000 Treffer aus. Fast genauso viele Zuhörer verzeichnete Alex bereits während eines seiner Konzerte.

Die Aufrufe seiner Musik auf kostenlosen Internetplattformen geht in die Millionen. Ebenfalls im Internet kursieren Satire-­Videos über ihn, produziert von Österreichern. Und sogar die Russen tanzen zu seiner Musik und kaufen seine Fan-Artikel – in Landessprache. Alex ist bekannt – zumindest in seiner Szene. In Marburg wissen vermutlich die wenigsten, mit wem sie Tür an Tür leben.

Alex‘ Tür ist ziemlich schlicht. „Samsas Traum / A. Kaschte“ steht an einem Klingelschild eines Mehrfamilienhauses in Marburg – versehen mit dem Hinweis, dass man nicht auf das Namensschild drücken darf, sondern auf den Knopf. Sonst geht die Klingel kaputt! Alex lebt bescheiden.

 

Als Szene-Musiker ohne Platzierung in den Charts wird man eben nicht zum Millionär. „Aber ich kann von meiner Musik leben“, sagt er und schreitet zielgerichtet in sein Musikzimmer. Ein mannshohes CD-Regal nimmt den halben Raum ein. Ein Bücherregal von nicht wenig geringerer Dimension schließt sich direkt an. Diverse Gitarren, ein Synthesizer, Aufnahmegeräte und ein veralteter Computer nehmen den Rest des Zimmers ein.

Wie die Kisten mit dem Bühnenequipment noch in den Raum reingepasst haben, ist ein Rätsel. „Ich produziere jedes Jahr ein Album. Und das alles hier“, erklärt Alex und deutet auf seinen mehr als zehn Jahre alten Computermonitor, um abzulenken. Der Staub auf einer gehörnten Tierschädelattrappe an der Wand ist ihm peinlich.

Von den Texten über die Melodie bis hin zum Arrangement der einzelnen Instrumente stammt alles aus Alex‘ Feder. Die Instrumente spielt er obendrein auch noch alle selbst – zumindest in den Rohversionen. „Für die Produktion und Konzerte hole ich mir versierte Musiker. Ich kann nicht alle Instrumente perfekt spielen“, sagt er.

Foto: Thorsten Richter (thr)

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Aber was ist schon perfekt bei einem, der von klein auf Flötenunterricht erhalten hatte – von der Frau des Pfarrers. „Ich habe eine klassische Musikausbildung genossen“, sagt Alex und zählt verschiedene Instrumente auf. Was dort nicht dabei war, hat er sich als Teenager selbst beigebracht. Das Resultat: Mit dem Erlernen des Gitarrenspielens und dem Hören der dazugehörigen harten Musik nahmen seine Eltern an seiner musikalischen Entwicklung keinen Anteil mehr.

„Sie haben ein ganzes Jahrzehnt keines meiner Konzerte besucht. Sie wussten überhaupt nicht, was Samsas Traum ist und was ich da mache. Erst vor drei Jahren besuchte die Familie Kaschte geschlossen ein Konzert von Alex in einem kleinen Club in Frankfurt. „Das war eine fiese Show. Ich war geschminkt und habe mit Kunstblut um mich gespuckt“, erinnert sich Alex. Die mehr als 600 düster gekleideten Menschen vor der Bühne hätten seine Familie aber „irgendwie“ mehr schockiert.

von Tobias Hirsch

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