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Zwischen Entenhausen und Golgatha

Frankfurt Zwischen Entenhausen und Golgatha

Konkurrenz für Edvard Munch: Seit vergangener Woche muss sich der Norweger die Schirn mit George Condo teilen, der in Frankfurt seine „Mental States“ zeigt.

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Das große Foto zeigt drei Kreuzigungsszenen, der Titel des kleinen Bildes lautet „Paar auf einem blauen gestreiften Stuhl“.

Quelle: Schirn

Frankfurt. Die Augenpartie kommt aus Entenhausen, die Halskrause aus der flämischen Schule, der abstrakte Strich von Picasso. Lustvoll mixt George Condo Pop- und Comic Art mit den Alten Meistern – bunt, schrill, grotesk, großformatig.

Der Mittfünfziger aus New Hampshire hat seine Arbeiten von jeher in die gesamte  Bandbreite künstlerischer Darstellungsformen eingebettet: Condo spielte in Punkbands, wenn er nicht gerade malte, mit Autoren wie Burroughs, Kerouac oder Rushdie pflegte er enge Kontakte, durch die sich Literatur und Malerei gegenseitig befruchteten.

Fast folgerichtig landete Condo denn auch in den frühen 80ern in Andy Warhols „Factory“, ebenso folgerichtig kreuzten sich die Pfade mit Künstlern wie Keith Haring und  Jean-Michel Basquiat.

Eine der vielleicht eindrucksvollsten und für das Humorverständnis Condos aufschlussreichsten Skulpturen begrüßt die Schirn-Besucher im ersten Ausstellungssaal: Der „Metzger und seine Frau“. Dass dem über-lebensgroßen Fleischhauer beim Liebesakt das Hackebeil im Kopf steckt, ist eine erste drastische  Interpretationsübung für den Betrachter – weitere sollen folgen: Ist der Konfettiregen vor der Kreuzigungsszene blasphemisch? Warum hat der Jesus auf dem Bild daneben die gleiche Frisur wie der Priester auf dem Porträt im nächsten Saal? Doch Condo malt nicht in erster Linie für Grübler und Analytiker – Spaß macht die „Mental States“-Ausstellung, bunt ist sie, provokant und schräg  oder einfach nur witzig – einfach mal bei „Uncle Joe“ im dritten Saal vorbeischauen.

Condos Zugriff auf seine Sujets ist auf der einen Seite in seiner Direktheit typisch US-amerikanisch. Auf der anderen Seite bedient er sich mit viel Lust und Eifer in der europäischen Kunstgeschichte. Viel Zeit nehmen sollten sich Ausstellungsbesucher für die dichte Hängung von der Decke bis zum Boden des zweiten Saals: eine Ansammlung skurriler Porträts mit verzerrten Kauleisten, Comicaugen, völlig aus den Fugen geratenen Proportionen und immer wieder auch Verweisen auf klassische Porträtmalerei. In dieser Sammlung findet sich auch der nah am Surrealismus eines Salvador Dalí orientierte „Psychoanalytic Puppeteer Loosing his Mind“. Das Bild inspirierte Salman Rushdie vor mehr als einem Jahrzehnt zu einer Szene in seinem Werk „Wut“. Wechselbeziehungen dieser Art pflegt Condo bis heute – egal, ob es darum geht, Gesichtsmasken für eine Modekollektion zu entwerfen oder ein Plattencover für Rapper Kanye West.

Vergoldete Bronzeköpfe zeigt die Ausstellung ebenfalls – Arbeiten, an denen sich Condos Spiel mit klassischen Formen und gesellschaftskritischen Anspielungen ablesen lässt. Und selbst in den abstrakten Arbeiten, die zum Teil auf großen Wänden kleinteilige Details seiner anderen Arbeiten zitieren, finden sich spätestens auf den zweiten Blick konkret fassbare Aussagen. Organisiert wurde die Ausstellung, die zuvor in New York, Rotterdam und London zu sehen war, von der Hayward Gallery in Zusammenarbeit mit der Schirn Kunsthalle.
Die Ausstellung „Mental States“ mit Werken von George Condo ist in der Kunsthalle Schirn bis zum 28. Mai zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag, Freitag bis Sonntag 10 bis 19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10 bis 22 Uhr. Weitere Informationen im Internet: www.schirn.de

von Carsten Beckmann

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