Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Zwischen Abrisszug und Hoffnung
Marburg Zwischen Abrisszug und Hoffnung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:14 22.10.2010
Was rollt denn da? Seit dem 4. Oktober zeigen die Signale für die Züge auf der erneuerten Burgwaldbahn wieder „Freie Fahrt“ an. Die Regionalbahn nach Frankenberg passiert hier das Einfahrtsignal des Sarnauer Bahnhofs. Quelle: Matthias Mayer

Marburg. Am 1. Juli wurde die Burgwaldbahn 120 Jahre alt. Noch vor drei Jahren war es höchst unwahrscheinlich, dass die Strecke ihr kleines Jubiläum noch erleben würde. Die Burgwaldbahn war dem Abrisszug näher als der Erneuerung, die in den vergangenen Monaten an der Strecke vorgenommen wurden und deren Abschluss an diesem Wochenende mit einem großen Streckenfest gefeiert wurde.

Die am 1. Juli 1890 eingeweihte Burgwaldbahn ist nur ein kleiner Teil der 108 Kilometer langen Bahnstrecke Marburg-Cölbe-Sarnau-Wetter-Frankenberg-Korbach-Volkmarsen-Warburg. Dieser Schienenstrang wurde in den vergangen Jahrzehnten regelrecht filetiert. 1967 erfolgte die Einstellung des Personenverkehrs zwischen Warburg und Volkmarsen; 20 Jahre später ereilte dieses Schicksal den Abschnitt Volkmarsen-Korbach-Frankenberg. Am 30. Mai 1987 verließ der letzte Planzug den Korbacher Bahnhof in Richtung Marburg. Die Eisenbahner mussten noch nicht einmal schwarze Fahnen raushängen. Strömender Regen sorgte auch so für trübe Stimmung.

Zwischen Korbach und Volkmarsen wurde der Schienenverkehr zwar 1998 wieder aufgenommen, doch für die Burgwaldbahn hatte dies keine Bedeutung; Korbach und damit die Bahnlinien über Willingen nach Brilon und nach Kassel blieben vom Landkreis Marburg-Biedenkopf aus per Bahn unerreichbar; die Bahnwelt endete in Frankenberg.

Daran änderte auch das spektakuläre Intermezzo beim Hessentag 1997 in Korbach nichts. Zu diesem Anlass war das Gleis zwischen Frankenberg und Korbach noch einmal befahrbar gemacht worden. Zehntausende reisten in Sonderzügen zum großen Fest der Hessen. Geholfen hat‘s der Bahnlinie nicht. Nach dem Hessentag war endgültig Schluss.

Damit trübten sich auch die Perspektiven für die weitgehend vom Schülerverkehr lebende Burgwaldbahn deutlich.

Ein Hauch von großer Welt auf der Nebenbahn

Dabei war in früheren Zeiten sogar ein Hauch von großer Welt auf dem Nebenbahngleis durch die oberhessische Provinz zu Hause. Der Fern-Eilzug zwischen Frankfurt-Bremen, die damals einzige Direktverbindung zwischen den Metropolen an Main und Weser, rollte über Marburg, Wetter, Frankenberg, Herzhausen, Korbach, Brilon Wald, Paderborn, Bielefeld, Herford und Bassum nach Bremen. Das Fern-Eilzugpaar E 151 / 152, das später E 451 / 452 genant wurde, war der unbestrittene Star auf der Burgwaldbahn und im Edertal, stach auch die direkten Eilzug-Verbindungen zwischen Marburg und Kassel sowie zwischen Marburg und Warburg/Westfalen auf diesem Gleiskörper aus.

Allerdings mussten die Reisenden für die Fahrt durch eine zum Teil höchst spektakuläre Landschaft, das mitbringen, was der neuzeitliche Reisende am wenigsten hat: Zeit. 11 Stunden und 27 Minuten benötigten die ab 1950 verkehrenden Züge anfangs für die 439 Kilometer lange Strecke, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 38,9 km/h entspricht. Durch den Ausbau von Teilstrecken und den Einsatz leistungsfähigerer Lokomotiven und besseren Wagenmaterials gelang es im laufe der Zeit, die Fahrzeit auf 8 Stunden und 41 Minute zu senken. Obwohl die Züge zeitweise sogar bewirtschaftet wurden, kam der Niedergang in den 70 Jahren. Der im Volksmund „Heckeneilzug“ genannte Zug konnte trotz seines direkten Laufweges mit den neuen IC-Verbindungen nicht mehr mithalten. Im Sommer 1984 war endgültig Schluss.

Um die Burgwaldbahn, die am 28. Mai 1994 mit der Schließung des Ernsthäuser Holzumladeplatzes ihren letzten Tarifpunkt für den Güterverkehr verlor, wurde es immer stiller. Bis die für den Öffentlichen PersonenNahverkehr in Bund, Land, Kommunen und Nahverkehrsverbänden zuständigen Entscheidungsträger rund um diese Bahn einen von atemberaubenden Kehrtwendungen geprägten Zickzackkurs rund um die Bahn veranstalteten.

Zunächst schloss der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn 2005 mit den Verkehrsverbünden RMV und NVV sowie den Landkreisen Marburg-Biedenkopf und Waldeck-Frankenberg einen 30 Millionen Euro schweren Vertrag, der auf die Reaktivierung des Streckenteils Frankenberg–Korbach und die Ertüchtigung der gesamten Strecke abzielte. Und es tat sich sogar etwas auf der Strecke: Das zugewachsene Gleis zwischen Frankenberg und Herzhausen am Edersee wurde freigeschnitten. 2006 und 2007 gab‘s dort einen Wochenende-Sonderverkehr zum Nationalpark Kellerwald-Edersee; dann hatte der „Nationalpark-Express“ wieder ausgedient.

Schon 2006 hatte der NVV als Besteller des Bahnverkehrs die kostenträchtige Reaktivierung der Bergstrecke zwischen Herzhausen und Korbach aufgegeben. 2007 drohte der Nordhessische Verkehrsverbund sogar mit der Stillegung der Burgwaldbahn. Weil ihm täglich 700 Fahrgäste fehlten, kündigte er im Juni 2007 die Stilllegung der Strecke zwischen Ernsthausen und Frankenberg an. Das wäre auch für den RMV betreuten Abschnitt Marburg–Ernsthausen das Ende gewesen.

Die Rettung erfolgte mit Hilfe des Landes in letzter Minute und im September 2008 kam es noch besser: Der Hessische Landtag beschloss, das der Abschnitt Frankenberg–Korbach wieder einmal reaktiviert werden sollte. Die wenig später gewählte schwarz-gelbe Landesregierung setzte diesen Beschluss jedoch nicht um.

Die Investitionen in die elektronische Stellwerktechnik an der Strecke und die Erneuerung der Bahnsteige in Sarnau, Simtshausen, Müchhausen, wo der Bahnhof stillgelegt wurde sowie in Birkenbringhausen geben der Burgwaldbahn eine Zukunftsperspektive.

Betrieben wird die Strecke von der Bahntochter Kurhessenbahn. Die eingesetzten Triebwagen der Baureihe VT 628 bieten einen guten Reisekomfort und sind zudem zügig unterwegs. Die Fahrtzeit von 40 Minuten zwischen Marburg und Frankenberg sind gegenüber dem Auto absolut konkurrenzfähig. Und lange Wartezeiten gibt es auch nicht. Werktags fahren die Züge im Stundentakt.

Unterwegs halten die Züge zwischen Marburg und Frankenberg in Cölbe, Wetter, Simsthausen, Münchhausen, Ernsthausen, Wiesenfeld und Birkenbringhausen. Im 185 Meter langen Wiesenfelder Tunnel erreicht die Trasse ihren höchsten Punkt.

von Matthias Mayer