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Marburg Vor 75 Jahren fielen Bomben auf die Stadt
Marburg Vor 75 Jahren fielen Bomben auf die Stadt
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10:00 22.02.2019
Die Elisabethmühle heute. Der letzte Teil mit dem Eingang wurde nach der Bombennacht neu angebaut. Christel Klingelhöfer, geborene Lotz, ist in der Mühle aufgewachsen. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

75 Jahre ist es her, dass hunderte Bomben über Marburg abgeworfen wurden. Christel Klingelhöfer, geborene Lotz, war damals acht Jahre alt. Ihre Familie betrieb die Elisabethmühle am Wehrdaer Weg, und versorgte sämtliche Bäcker der Stadt mit Mehl. Ihr Vater wurde deswegen nicht eingezogen und war am 22. Februar 1944 bei seiner Familie in Marburg.

Christel Klingelhöfer erinnert sich an den blauen Himmel und dass sie schon den ganzen Tag bei ihrer Tante im Haus auf der anderen Straßenseite war. „Die hatte einen Luftschutzkeller, wo wir uns immer alle sammelten, wenn Fliegeralarm war“, sagt die heute 83-Jährige. Die Felsenkeller unter den alten Häusern reichten bis zum Hotel „Europäischer Hof“ und waren nur mit dünnen Wänden abgeteilt. „Wenn wir hätten fliehen müssen, hätte man die einfach eintreten können“, erinnert sich die Müllerstochter.

Es war Fliegeralarm an diesem Winterdienstag, die Straßen menschenleer. Die „Marburger Presse“ schrieb einmal: „Als ein kleiner Verband feindlicher Flugzeuge von Osten her anflog und plötzlich Sprengwölkchen dazwischen erschienen, trieb die Neugierde auf die Straße. Erstmalig sah man die Stadtallendorfer Flak in Tätigkeit und man wollte sich dieses Schauspiel nicht entgehen lassen. Plötzlich ging von einem Flugzeug die Rauchfahne aus.“

"Ich wollte doch mein Köfferchen holen"

Da war Christel Klingelhöfer schon mit ihren Eltern und der vier Jahre jüngeren Schwester auf dem Weg in die Elisabethmühle. „Ich wollte doch mein Köfferchen holen, welches gepackt in meinem Zimmer stand“, erzählt sie. Bei dem Bombenabwurf wurde der Giebel vorn an der Straße durch einen Streifschuss getroffen. In dem Moment stand die Mutter mit dem jüngsten Kind im Treppenhaus und wartete auf die achtjährige Christel, die gerade hoch in ihr Zimmer gelaufen war. Die Mutter wurde am Kopf verletzt, die älteste Tochter erlitt einen kompletten Waden- und Schienbeinbruch. Der Vater blieb unverletzt.

Die Elisabethmühle nach der Detonation des Blindgängers 1944. Quelle: Privatfoto

Treffen sollten die Bomben wohl eigentlich den Bahnhof. Dort landeten nur zwei Bomben, die übrigen trafen vorwiegend das Kliniksviertel. Bei dem Angriff starben 100 Menschen, darunter 18 Mann der Mediziner-Kompanie in der Deutschhausstraße. Daran erinnert sich auch Christel Klingelhöfer. Sie wurde mit ihrem gebrochenen Bein in den Keller gegenüber gebracht und dort auf einen wackligen Korbstuhl gesetzt, der bei jedem Einschlag wackelte und für unerträgliche Schmerzen bei dem Kind sorgte.

"Ich hoffe, dass so etwas nie wieder passiert"

Nach dem Luftangriff wurde sie, vermutlich von der Polizei, so genau weiß die heute 83-Jährige das nicht mehr, in die Kinderklinik gebracht. Dort landete sie auf der Säuglingsstation, weil woanders kein Platz war. Operiert werden konnte sie nicht, ihr Bein wurde geschient und eingegipst. Während sie die Nacht in der Klinik verbrachte, ging um Mitternacht ein Blindgänger in der Lahn direkt an der Mühle hoch und zerstörte fast das ganze Haus. „Als mein Vater nachsah, schaute er vom Schlafzimmer in den kalten Nachthimmel.“

Stunden später kam das Technische Hilfswerk und stützte die Mühle erst ab, die die Familie Lotz über Jahre wieder aufbaute. Heute ist sie Museum und versorgt mit der wassergetriebenen Turbine die ganze Straße mit Strom.
Christel Klingelhöfer brauchte viel Zeit, um die Bombennächte zu verarbeiten. Gingen die Sirenen, zuckte sie zusammen und bekam Angst. Ihr Bein wuchs zwar schief zusammen, behinderte sie aber später nicht. „Ich hoffe, dass so etwas Schreckliches nie wieder passiert“, sagt sie nachdenklich mit Blick auf die Weltpolitik.

von Katja Peters