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Marburg Zu Unrecht hinter Gittern?
Marburg Zu Unrecht hinter Gittern?
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00:18 01.03.2019
Im Raubserien-Prozess zeichnet sich eine Wende ab.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Mehrere Minuten lang argumentierten die Verteidiger Stefan Adler und Sascha Marks, da auf Basis der Verhandlung kein dringender Tatverdacht gegen Adlers Mandanten mehr bestehe. Und ihre Logik fiel nicht auf taube Ohren. Vorsitzender Richter Dr. Marco­ Herzog lauschte aufmerksam und versicherte dann lächelnd und mit beschwichtigender Handbewegung: „Seien Sie sich sicher, dass das Gericht darüber auch schon nachgedacht hat!“

Es geht um die Entlassung des 27-jährigen Hauptangeklagte aus der Untersuchungshaft. Der Marburger sitzt seit fast einem Jahr in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gießen ein. Und das möglicherweise unschuldig. Denn auch der jüngste Verhandlungstag förderte keine Beweise zutage. Bereits früher im Prozess hatten Gutachten von Sachverständigen keine Beweise liefern können.

Insbesondere konnten dem Beschuldigten keine DNA-Spuren in den Spielhallen und Tankstellen, die er zwischen Januar und März 2018 heimgesucht haben soll, nachgewiesen werden. Der Angeklagte soll auch eine Tankstelle sowie eine Spielhalle, beide in Kirchhain, am 5. Februar 2018 überfallen haben. Gegenüber der Polizei hatte ein 41-jähriger Tankstellen-Angestellter behauptet, von seinem Freund gehört zu haben, dass der 27-Jährige der Täter war. Jener Freund leugnete jedoch, den Namen des Beschuldigten genannt zu haben.

„Ich habe gegenüber den Polizisten Dinge gesagt, die so nicht stimmen“, erklärte der 41-Jährige auf Nachhaken von Dr. Herzog. Als Grund für die falschen Angaben nannte er angebliches Fehlverhalten der Polizei: „Die sind in die Tankstelle gekommen, haben mich regelrecht überfallen. Ich wurde zu dieser Aussage genötigt. Mir wurde mit Beugehaft und einem Ordnungsgeld gedroht, falls ich die Aussage nicht unterschreibe.“

Er war jedoch nicht der einzige Zeuge, der sich negativ über die Polizei äußerte. Ein 26-Jähriger war ein Zeuge des Überfalls auf eine Marburger Tankstelle am 14. März. Allerdings befand er sich außerhalb des Innenraums, als der Täter mit gezogener Waffe die Angestellten bedrohte und mit Pfefferspray um sich sprühte. „Ich habe gehört, wie der Täter drinnen Geld gefordert hat“, berichtete der Zeuge. Im Zuge seiner Vernehmung sei er dann von der Polizei „fast schon gedrängt“ worden, sich an einen sibirisch-kasachischen Akzent zu erinnern. Der 27-jährige Beschuldigte stammt aus Kasachstan. „Von der ­Figur kommt es hin. Ungefähr 1,75 Meter groß und schlank. Mehr kann ich nicht sagen“ – diese Antwort hörte Dr. Herzog quasi jedes Mal, wenn er die Zeugen bat, das Aussehen des Täters mit dem des Beschuldigten zu vergleichen.

In der Tankstelle erbeutete der Räuber fast 300 Euro. In eine Marburger Spielhalle kam er allerdings am 12. März nicht rein. „Er hat hektisch mit der Waffe vor der verschlossenen Eingangstür herumgefuchtelt. Natürlich habe­ ich ihn nicht hereingelassen, sondern die Polizei verständigt“, sagte eine Angestellte. Genaue Angaben zum Täter konnte sie nicht machen. Ebenso wenig überführend waren die Zeugenaussagen hinsichtlich des Überfalls auf eine weitere Marburger Spielhalle am 2. Februar.

Weil nach mehreren Verhandlungstagen keine Beweise zutage gefördert wurden, prüft das Gericht demnach die vorzeitige Entlassung des Beschuldigten aus der U-Haft. Sogar Sicherheitsverwahrung für den Angeklagten hatte am Anfang des Prozesses im Raum gestanden. Auch die Hoffnung der Staatsanwaltschaft, die Audio-Aufnahmen eines Großen Lauschangriffs in der JVA Gießen in die Verhandlung einzuführen, zerschlug das Gericht. Es stufte ihn als Hörfalle ein und erteilte ein Beweisverbot.

von Benjamin Kaiser