Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Das große Nichts“, das gefüllt wird
Marburg „Das große Nichts“, das gefüllt wird
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:36 26.04.2017
Die preisgekrönte Autorin Zsuzsa Bánk las auf Einladung der „Buchhandlung am Markt“ im Marburger Rathaus. Quelle: Nadja Schwarzwäller
Marburg

Für ihr erstes Buch „Der Schwimmer“ wurde sie bereits mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Nach einem Band mit Erzählungen und dem Roman „Die hellen Tage“ betritt Zsuzsa Bánk nun mit „Schlafen werden wir später“ erneut die literarische Bühne. Und den Historischen Saal im Marburger Rathaus. Im Gegensatz zu „Die hellen Tage“, wo im Kern die Sprachlosigkeit ein Thema war, dreht sich in ihrem neuen Roman alles in mehrfacher Hinsicht um die Sprache, stellte Sandra Kegel von der FAZ fest, die die Lesung moderierte.

Zwei Freundinnen aus Kindertagen schreiben sich E-Mails. Zwei Freundinnen, deren Leben sich ganz unterschiedlich entwickelt hat. Die eine, Autorin, lebt mit Mann und Kindern in der Großstadt. Die andere, Single und kinderlos, als Lehrerin auf dem Land. Welcher Weg war der richtige, welches Leben ist glücklicher?

Und kann man mit Mitte 40 die Weichen noch einmal ganz neu stellen? Aus ihrer heutigen Perspektive – Zsuzsa Bánk ist 51 – erscheint ihr das Alter ihrer beiden Protagonistinnen „noch sehr jung“. Aber sie sind eben nicht mehr so jung, dass sie nicht schon Niederlagen, Rückschläge und Verluste hätten hinnehmen müssen. Der Begriff „Scharnierposition“ erscheine ihr passend für diese Lebenssituation, so Bánk.

Wirklichkeit findet sich nur in Winzigkeiten

Die Form des Briefromans habe sie gewählt, weil sie ihr eine ganz persönliche Note und Innensicht ermögliche – beziehungsweise sogar zwei. „Es ist eine Form, die vieles erlaubt, aber man muss sie auch fassen können.“ Sie habe zwei unterschiedliche Sprachen, Stimmen und Ich-Perspektiven entwickeln wollen, erklärte die Autorin. Außerdem habe die Form etwas Tagebuchhaftes. Vieles könne so gesagt werden, in radikaler Subjektivität, was sie anders nicht hätte schreiben können. „Die beiden ziehen sich aus voreinander“, beschreibt es Zsuzsa Bánk.

Auf die Parallelen im Leben einer ihrer beiden Figuren zu ­ihrem eigenen angesprochen, schmunzelt sie. Ja, natürlich gebe es Details, die sie der Realität entnehme. Aber das seien „Winzigkeiten“ – „das sind noch keine 700 Seiten Roman“. Da werden Dinge weitergesponnen, verfremdet und vielleicht in der zweiten und der dritten Überarbeitung noch einmal verändert, sagt die Autorin. Ein Buch sei immer „das große Nichts“, das dann gefüllt werde.

Autorin schreibt lieber aus Frauensicht

Allerdings gesteht sie, ein „absolut distanzloses Verhalten“ zu ihren Figuren zu haben. Und so sehr sie auch ihre männlichen Figuren mag, so seltsam und lächerlich fände sie es, eine Geschichte aus der Perspektive eines Mannes heraus zu erzählen. Sie sei eben eine Frau und könne deshalb besser in weibliche Köpfe sehen. Neben den beiden Protagonistinnen Johanna und Márta gibt es auch noch eine dritte Frau im Roman, zumindest als Präsenz: Annette von Droste-Hülshoff. Um sie dreht sich Johannas Doktorarbeit, an der sie seit Jahren sitzt.

Nachdem Moderatorin Sandra Kegel zwischen den Lese-Passagen schon viele Fragen an die Autorin gestellt hatte, nutzten viele Besucher der Lesung die Möglichkeit, noch selbst kurz mit Zsuzsa Bánk ins Gespräch zu kommen.

Agnes Bötticher von der veranstaltenden „Buchhandlung am Markt“ hatte die Autorin zu Beginn kurz vorgestellt. Die 51-Jährige hat selbst einmal als Buchhändlerin gearbeitet und danach Publizistik, Politikwissenschaften und Literatur in Mainz und Washington studiert. Sie lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Frankfurt.

von Nadja Schwarzwäller

Anzeige