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Marburg Polizei ehrt Helfer in der Not
Marburg Polizei ehrt Helfer in der Not
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06:00 27.09.2018
Polizeipräsident Bernd Paul (links) und der leitende Polizeidirektor Jürgen Begere (rechts) bedankten sich unter anderem bei Charlotte Wolff und Maximilian Hain sowie Hund Gustav aus Marburg. Quelle: Götz Schaub
Marburg

Im Polizeipräsidium Gießen fanden Menschen aus dem ganzen Zuständigkeitsbezirk zusammen, die entweder dabei geholfen haben, eine­ Straftat zu vereiteln oder aufzuklären oder Menschen beistanden, die belästigt oder gar bedroht wurden.
Polizeipräsident Bernd Paul und der leitende Polizeidirektor Jürgen Begere ließen die Bürger ihre Fälle erzählen und kommentierten die jeweilige Vorgehensweise. Zudem gab Jutta­ Laucht als Leiterin des Stabsbereichs Prävention Tipps, wie man helfen kann, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.

Hier einige der Fälle:

Charlotte Wolff und Maximilian Hain wurden in Marburg Zeuge eines merkwürdigen Vorfalls. Sie waren in Marburgs Nordstadt unterwegs, als sie eher beiläufig bemerkten, dass ein Mann durch die geöffnete Fensterscheibe in ein Auto spuckte – wohl mit dem Ziel, die Fahrerin des Wagens zu treffen. Offensichtlich fühlte sich der Mann von der Autofahrerin bedroht. Doch war es genau anders herum. Der Mann stand unter Drogeneinfluss und agierte sehr aggressiv.

Im weiteren Verlauf kam es bei einem zweiten Zusammentreffen der beiden zu einer Handgreiflichkeit, bei der der Mann der Autofahrerin das Handy wegnahm, weil sie sein Benehmen filmte. Maximilian Hain versuchte die Situation zu klären und verfolgte den in ein Haus laufenden Mann, während sich Charlotte Wolff mit ihrem Hund Gustav um die im Auto sitzenden verängstigten Kinder der Frau und auch um die sehr zitternde Frau selbst kümmerte.

Schließlich kam der Mann zurück und versuchte zunächst das Handy zu zerstören, dann warf er es in Richtung der Frau. Hain gelang es, dem Handy eine andere Flugrichtung zu geben, so dass es weich landete und keinen weiteren Schaden nahm. Ein weiterer direkter Kontakt zur Autofahrerin konnte durch die Präsens der beiden Marburger verhindert werden. Durch Hinsehen und helfen wurde in diesem Fall möglicherweise eine schlimmere Auseinandersetzung verhindert.

Niemand sollte sich in Gefahr begeben

Polizeipräsident Bernd Paul freute sich über die Zivilcourage der beiden Marburger, machte aber auch deutlich, dass sich niemand bei einer Hilfsaktion in Gefahr begeben sollte, der Anruf bei der Polizei schnell immer schnell erfolgen sollte. Lieber auch einmal zu viel als einmal zu wenig.

Viele Menschen scheuen sich, die Polizei zu rufen, weil sie sich nicht sicher sind, ob ihre ­Beobachtungen wirklich in Verbindung mit einer Straftat stehen oder sie Menschen am Ende falsch verdächtigen. Eine Frau aus Büdingen setzte sich genau mit dieser Frage auseinander, als sie zufällig am Ende ihrer Nachtschicht auf dem Balkon stand und auf einer Mauer einen Mann sitzen sah, der aus einer Tasche Sachen sortierte. Ermutigt durch eine Kollegin rief sie die Polizei. Und so konnten gleich 14 Straftaten aufgeklärt werden. Der Mann befinde sich derzeit in Untersuchungshaft, informierte Paul.

Elfjährige Mädchen verfolgen Ladendiebin

Was zwei elfjährige Freundinnen in Bad Nauheim erlebten, hätte auch das Drehbuch eines Jugendfilms sein können. Sie beobachteten in einem Drogeriegeschäft, wie sich eine Frau mehrere Produkte in die Handtasche steckte und von der Verkäuferin zur Rede gestellt wurde. Der Frau gelang unter Androhung, mit einer Hundeleine auf die Verkäuferin loszugehen die Flucht. Die Kinder entschlossen sich, der Diebin hinterherzulaufen. Aber sie verloren sie aus den Augen.

Die Mädchen trafen später einen bekannten Jungen und erzählten diesem ganz aufgeregt von ihrem Erlebnis. Und das direkt vor einem Friseursalon. Dort wurde gerade ein Mann bedient, der von Beruf Polizist in Frankfurt ist. Er hört die aufgeregten Mädchen reden und reagierte sofort, setzte sich selbst in Dienst, sprach die Mädchen an und ließ sich die Geschichte­ noch einmal erzählen. Anschließend kontaktierte er seine Bad Nauheimer Kollegen, die aufgrund einer guten Personenbeschreibung der Mädchen, die Frau wenig später festnehmen konnten. Bei der Frau zu Hause wurde anschließend weiteres Diebesgut gefunden.

Eine Frau aus Gießen machte eine schlimme Erfahrung, als sie mitten in der Fußgängerzone von einem Mann das Portemonnaie gestohlen bekam. Nach einer Anzeige bei der Polizei, erhielt sie das Portemonnaie tatsächlich wieder zurück, allerdings ohne das Geld, aber immerhin mit ihren sonstigen Papieren und Karten. Ein paar Wochen später sah sie den Mann wieder und fertige mit dem Handy unbemerkt ­Fotos von ihm an. Später bekam sie mit, dass eine weitere Frau bestohlen wurde. „Ich zeigte ihr einfach mal das Foto von dem Mann und sie erkannte ihn sofort wieder“, erzählte die Frau. Die Polizei konnte den Mann schließlich aufgrund der Fotos auch ­ermitteln. 

Menschen ansprechen und zur Mithilfe animieren

Ein weiterer von der Polizei ­geehrter Mitbürger hatte auf einem Parkplatz beobachtet, wie ein Mann torkelnd aus seinem Auto ausstieg und Richtung Imbiss ging. Er zögerte nicht und rief die Polizei an. Diese kam auch rechtzeitig und nahm den Mann fest, als er sich gerade zur Weiterfahrt hinter das Steuer gesetzt hatte. „Der Mann hatte 2,3 Promille“, sagte Paul. Nicht auszudenken, was er hätte anrichten können, wenn er weitergefahren wäre. Möglicherweise hat der aufmerksame Mann anderen Menschen das Leben gerettet oder wenigstens vor schlimmen Verletzungen bewahrt.

In einem weiteren Fall half ein Mann zwei ausländischen Frauen, die in der S-Bahn von einem ihnen unbekannten Mann belästigt wurden. Er mischte sich verbal ein, bis der Mann von den Frauen abließ. Der Helfer zeigte sich darüber enttäuscht, dass die Strafanzeige­ wegen sexueller Belästigung und seine eigene wegen Beleidigung später eingestellt wurden. Nach seinem Dafürhalten hätte der Mann den beiden Frauen durchaus gefährlich werden können, so aggressiv wie er auftrat. Auch zeigte sich der Helfer enttäuscht darüber, dass andere Fahrgäste nur beobachtet oder weggeschaut hätten, statt zu helfen.

Jutta Laucht rät Menschen, die in eine solche Situation kommen und helfen wollen dazu, immer konkret andere Menschen anzusprechen und zur Mithilfe zu animieren. Das sei wesentlich erfolgversprechender als einfach nur zu hoffen, dass sich ein anderer von sich aus noch anschließt.

von Götz Schaub