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Marburg Unverpackt-Läden richten sich ein
Marburg Unverpackt-Läden richten sich ein
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00:16 27.02.2019
Aus transparenten Kunststoffspendern füllt Wolfgang Meudt von "Bio Unverpackt", Hessens erstem Unverpackt-Laden in Wiesbaden, Linsen in einen Messbecher ab. Quelle: Boris Roessler
Marburg

Für Anhänger der Zero-Waste-Bewegung und andere umweltbewusste Kunden, die gern auf Plastikverpackungen verzichten, gibt es in Marburg demnächst neue Möglichkeiten für den Lebensmitteleinkauf.

Im Steinweg Nummer dreieinhalb eröffnet voraussichtlich Mitte März der Unverpackt-Lebensmittelladen „Mudda Natur Marburg“. Die vier jungen Geschäftsleute Tilman Schmidt, Anna Kochanow-Janssen, Johannes Grenzebach und Lukas Janssen wollen eine Art alternativen Supermarkt anbieten. „Es wird – bis auf Fleischprodukte – ein vollständiges Angebot geben. Alles, was man sonst auch einkauft, vom Klopapier bis zum Kaffee, eben in der unverpackten Variante“, erklärt Anna Kochanow-Janssen.

Kunden sollen lernen, wie man Pflanzenmilch macht

Dazu legt das junge Team den Schwerpunkt ganz klar auf regionale biologische Erzeugnisse und eigene Produkte. So soll es selbstgemachte vegane Brotaufstriche und Marmeladen geben. Die Laden-Gründer werden dafür ein Pfandsystem einrichten.
Darüber hinaus können Kunden im Laden auch Gläser zum Abfüllen der Waren erwerben – oder ihre eigenen Verpackungen zum Einkauf mitbringen.

Lesungen und Kurse werden ebenfalls zum Angebot von „Mudda Natur“ gehören. „Wir wollen beispielsweise zeigen, wie man pflanzliche Milch ganz leicht selbst herstellen kann“, sagt Anna Kochanow-Janssen und freut sich auf die Laden-Eröffnung in einigen Wochen. Bis dahin liege noch etwas­ ­Arbeit vor dem Team. Die ­Renovierungsarbeiten in dem Laden, der zuvor ein Brautmoden-Geschäft beheimatete, ­laufen noch. „Mudda Natur“ wird seine Waren auf etwa 50 Quadratmetern Verkaufsfläche anbieten. Die Öffnungszeiten sollen sein: Montag bis Freitag von 9 bis 19 Uhr, Samstag von 9 bis 18 Uhr. 

Das Team vom Unverpackt-Laden "Mudda Natur" in Marburg. Quelle: Ina Tannert

„Vor allem für die Oberstadt-Leute ist es ein gutes neues ­Angebot“, findet Anna Kochanow-Janssen. Denn „Mudda Natur“ wird neben dem Gemüseladen „Heinzelmännchen“ der voraussichtlich einzige Lebensmittelladen in der Oberstadt sein.

Zum Ladenangebot wird sich auch ein Online-Shop gesellen. Dort sollen Kunden aufs komplette Sortiment zugreifen können. „Ob es dann erstmal nur ums Vorbestellen geht und die Leute die Waren selbst abholen oder ob später auch ein Lieferdienst mit Lastenfahrrad dazukommt, das müssen wir sehen“, sagt Anna Kochanow.

Kauf's lose eröffnet voraussichtlich im Mai

Etwas später, nämlich voraussichtlich im Mai, wird noch ein weiterer Unverpackt-Laden in Marburg seine Pforten eröffnen: in der Savignystraße 21 in Marburg, direkt neben der Stadthalle.

Die angehenden Betreiber von „Kauf‘s lose“, Sascha Fritz und Sonja Krause, haben die Finanzierung ihres Ladens über Crowdfunding auf der Online-Plattform Startnext angeschoben. Mit Erfolg: Für den Aufbau des plastikfreien Geschäfts mit Waren aus regionaler und biologischer Erzeugung fanden sich annähernd 500 Unterstützer, die fast 29.000 Euro zur Verfügung gestellt haben. Die Kampagne läuft auf Startnext noch bis zu einem Fundingziel von 55.000 Euro. Weitere Förderer können somit dazu beitragen, dass das Geschäft irgendwann noch einen Frischmilch-Automaten und eine Nussmus-­Maschine bekommt.

So sehen die Lebensmittelspender aus, die Sascha Fritz in seinem Unverpackt-Laden in Marburg aufstellen will – hier sieht man einen gefüllt mit Erdnüssen. Quelle: Thorsten Richter

Bis zur Eröffnung von „Kauf‘s lose“ ist es noch etwas hin, da das Ladenlokal aktuell den „Setzkasten“ beherbergt, ein Geschäft für Spiel- und Sammlerartikel. Der Ausverkauf dort laufe bis Ende März, sagt Sascha Fritz. Die Chancen für eine Eröffnung von „Kauf‘s lose“ im Mai stünden aber trotzdem gut, „wir müssen dort nicht so viel umbauen und renovieren“.

Über den Standort sind die Laden-Gründer glücklich. „Er ist ideal mit dem Rad und mit dem Bus erreichbar – und es gibt ringsum Parkmöglichkeiten, für Leute, die mit dem Auto kommen“, freut sich Sascha Fritz. Der Laden wird eine Verkaufsfläche von etwa 70 Quadratmetern haben. Die Betreiber planen, dort rund 70 Lebensmittelspender mit Trockenwaren wie Nudeln und Getreide aufzustellen. Es soll ein Pfandsystem eingerichtet werden, das es den Kunden ermöglicht, Vorratsgläser auch auszuleihen und diese nicht zwangsläufig kaufen zu müssen. Auch bei „Kauf‘s lose“ können die Kunden ihre eigenen Verpackungen mitbringen und die Waren selbst abfüllen. 

Zuversicht an zwei Standorten

Zum Angebot des Ladens soll ein integriertes Café gehören. „Wir werden eine kleine Bar einrichten, Tee, Kaffee, Gebäck und Kleinigkeiten anbieten“, kündigt Sascha Fritz an. Die künftigen Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 11 bis 18 Uhr, Samstag 10 bis 16 Uhr.

Online hat „Kauf‘s lose“ schon geöffnet, auch wenn die Lieferungen wohl erst in einigen Wochen erfolgen können. Im Online-Shop können auch Kunden aus anderen Teilen Deutschlands verschiedene Produkte der Zero-Waste-Bewegung bestellen, beispielsweise Trinkflaschen oder Seifen. Geliefert wird per Postpaket, „sobald wir die Waren auf Lager haben“, sagt Sascha Fritz. Lebensmittel werden allerdings nur über den Laden vertrieben und nicht über den Webshop. Diese können online vorbestellt und dann von den Kunden abgeholt werden. In der Zukunft könne­ bei ausreichender Anfrage noch ein Lieferservice mit Lastenfahrrad hinzukommen, stellt Sascha Fritz in Aussicht.

In den vergangenen Jahren hat sich die Zero-Waste-Bewegung gemausert. Öko-Ecke war einmal. Das Bewusstsein für Müllvermeidung ist jetzt hip. So ­erobern Unverpackt-Läden seit Jahren die deutschen Großstädte. Marburg folgt etwas später, dafür mit gleich zwei Läden. Ob das Interesse am umweltschonenden und plastikfreien Einkauf in einer 80.000-Einwohner-Stadt so groß ist, dass gleich zwei Läden existieren können, muss sich aber erst noch zeigen. Die künftigen Laden-Betreiber sind davon jedenfalls überzeugt – im Steinweg ebenso wie in der Savignystraße.

von Carina Becker-Werner