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„Zauberberg“ mit Licht und Schatten

Bad Hersfelder Festspiele „Zauberberg“ mit Licht und Schatten

W1ie soll das funktionieren? „Der Zauberberg“, der üppige Roman von Thomas Mann, auf der Theaterbühne? Regisseur Janusz Kica zeigt bei den Bad Hersfelder Festspielen, dass es mit Abstrichen funktionieren kann.

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Eine Szene aus „Der Zauberberg“ mit Wolfgang Jaroschka als Mynher Peeperkorn (2. von links) und Charlotte Sieglin als Clawdia Chauchat (4. von links). Foto: Uwe Zucchi

Quelle: Uwe Zucchi

Bad Hersfeld. Es ist ein Wagnis für die Bad Hersfelder Festspiele. Das weiß auch Regisseur Janusz Kica, wie er unumwunden zugibt. „Die Tatsache, dass man solch ein Werk auf den Spielplan setzt, ruft Kopfschütteln hervor“, sagt er in der Nacht zum Donnerstag nach der Premiere von „Der Zauberberg“. Die üppige Romanvorlage von Thomas Mann aus dem Jahr 1924 zuschauergerecht darzustellen, „ist schon schwer“, wie er einräumt. „Um das ganze Buch tatsächlich auf die Bühne zu bringen, bräuchte man mindestens zehn Stunden, wenn nicht mehr.“ Kica belässt es bei zweieinhalb Stunden.

Von den offiziell etwa 1000 Zuschauern in der 1600 Menschen fassenden Stiftsruine bekommt er dafür zwar wohlwollenden Applaus. Doch letztlich ist es eine Inszenierung mit Licht und Schatten. Die rund 1000 Seiten dicke Romanvorlage komprimieren Vera Sturm und Hermann Beil auf eine rund 80-seitige Bühnenfassung. Und diese Einschnitte merkt man: Facetten verschwinden, Rollen gehen Substanz und Tiefe verloren, die Handlung wirkt zuweilen bruchstückhaft.

Der Schwerpunkt liege bei der Figur Hans Castorp, erklärt der Regisseur. Die Hauptrolle wird von Sören Wunderlich herausragend gespielt. Kica sagt: „Er ist wunderbar, eine Entdeckung.“ Castorp, ein junger, unbedarfter Ingenieur aus Hamburg, reist nach Davos in die Schweiz, um seinen Vetter Joachim Ziemßen - treffend gespielt von Thomas Gimbel - in einem Sanatorium zu besuchen. Aus einem für drei Wochen geplanten Aufenthalt werden sieben Jahre. Und aus einem Gesunden wird ein in sich hineinhorchender Hypochonder.

Wunderlich gibt den „viel talentierteren Patienten“, wie er vom Arzt genannt wird, überzeugend - als verkopfte, unsichere und fahrige Figur. Castorp ist fasziniert von dieser ganz eigenen Welt des Sanatoriums, die für ihn später im Ersten Weltkrieg zerbricht. Eine Welt mit verschrobenen Gestalten, die über Krankheit und Tod, Liebe und Leben philosophieren, die viermal am Tag Fieber messen müssen, ihre Temperaturkurven mit Argusaugen beobachten.

Der Hüter der Patienten ist der zynische Hofrat Behrens, der mit Klasse von Daniel Friedrich („Eine glückliche Familie“, „Aus heiterem Himmel“/ARD) gegeben wird. Der Lebemann pafft als Lungenarzt auch gern dicke Zigarren mit seinen maladen Schäfchen.

Eine Augenweide ist Charlotte Sieglin, die Clawdia Chauchat spielt, in die sich Castorp verguckt. Ihr Ziel, betont attraktiv und lässig zu erscheinen, erreicht sie mit spielerischer, verführerischer Leichtigkeit. Von den Zuschauern ins Herz geschlossen wird die Zwergin, die als Bedienstete mit klotzigem Gang und stumpfem Blick gefällt. Für mehr Weiblichkeit in der tristen Sanatoriumswelt sorgen die vier Grazien vom Verein halbe Lunge.

Alle diese Figuren, auch der herrlich durchgeknallte Herr Albin des vielversprechenden Parbet Chugh, sorgen phasenweise für Amüsement und heitere Ausflüge ins Skurrile.

von Jörn Perske

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