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Marburg Diese Praxis passt in zwei Rollkoffer
Marburg Diese Praxis passt in zwei Rollkoffer
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00:18 18.03.2019
Dr. Boris Jablonski (rechts) behandelt Frau Götz in ihrem Bett im Altenpflegeheim. Seine Assistentin Michaela Nuhn geht ihm dabei so zur Hand wie sonst in der Zahnarztpraxis. Tanja Grzybinski (links) ist die Mund- und Prothesenhygienebeauftragte im Altenpflegeheim.  Quelle: Katharina Kaufmann-Hirsch
Marburg

Es knackt und knirscht. Leise zwar, aber doch so laut, dass es quer durch den Raum zu hören ist. Der Geruch von Desinfektionsmittel liegt in der Luft. Es knirscht erneut. Doch die Wurzel sitzt fest. Dr. Boris Jablonski wackelt und zieht kräftig. Mehrmals. Dann endlich hat er einen Teil der Zahnwurzel in der Zange. Frau Götz kann kurz durchatmen, dann muss sie den Mund wieder öffnen.

Die 71-jährige Bewohnerin des Awo-Altenpflegeheims in Lollar liegt im Pflegebett ihres Zimmers. Auf der Fensterbank stehen blühende weiße Orchideen, eine rote Amaryllis und ein Strauß Weidenkätzchen. Die Sonne scheint auf die Bettdecke – und auf die faltige Hand, die sich gerade vor Schmerzen wieder zusammenballt.

Rund 300 Hausbesuche im Jahr

Boris Jablonski ist Zahnarzt. Der 43-Jährige aus Marburg behandelt seine Patienten aber nicht nur in seiner Praxis. Er macht auch Hausbesuche – so wie bei Frau Götz. Die bekommt heute einen Wurzelrest gezogen und Aufbaufüllungen für die beiden oberen Schneidezähne. An ihnen sollen die neuen Prothesen befestigt werden. „So große Behandlungen am Krankenbett sind schwer auszuführen und daher eher die Ausnahme“, erklärt Jablonski, bevor er erneut die Zange ansetzt. Mit einem festen Ruck zieht er auch den Rest der Zahnwurzel aus dem betäubten Kiefer. Geschafft.

Gut 300 Hausbesuche absolviert Jablonski mit seinem Team im Jahr. Bei Frau Götz geht ihm die Zahnmedizinische Assistentin (ZMA) Michaela Nuhn zur Hand. Vonseiten des Altenpflegeheims begleitet Tanja Grzybinski, Mund- und Prothesenhygienebeauftragte, den Einsatz vor Ort. Sie hält nicht nur die Hand von Frau Götz, weil diese große Angst vor dem Zahnarzt hat, sondern auch die Taschenlampe, die das Oberlicht aus der Praxis ersetzt.

Bohrer, Sauger und alle anderen Instrumente, die man vom Zahnarztbesuch kennt, sind als mobile Einheit in einem Rollkoffer untergebracht. Ein zweiter Rollkoffer enthält alle weiteren nötigen Bestecke wie Spritzen, Desinfektionsmittel und Tupfer.

Pflegebedürftige brauchen mehr Hilfe bei Mundhygiene

Knapp ein Drittel der Menschen mit Pflegebedarf sind nicht mehr selbst in der Lage, ihre Zähne und Zahnprothesen zu reinigen und zu pflegen. Das geht aus der fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie hervor. Dafür wurden durch das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) insgesamt 4.600 Menschen aller Altersgruppen und sozialen Schichten repräsentativ zahnmedizinisch untersucht und befragt.

Jeder zweite ältere Mensch mit Pflegebedarf ist demnach zahnlos. So wie Frau Götz. Nach etwa 30 Minuten ist ihre Behandlung beendet. Michaela Nuhn packt die benutzten Instrumente ein und desinfiziert die mobile Praxis-Einheit. „Das haben Sie ganz toll gemacht. Sie waren richtig tapfer“, lobt Jablonski die Patientin und verabschiedet sich: „Bis zum nächsten Mal!“

Hintergrund

Für das Engagement und den Einfallsreichtum für die Zahngesundheit in Alten- und Pflegeheimen erhielten Dr. Boris Jablonski und sein Praxisteam den von der Wrigley Oral Healthcare Program (WOHP) gestifteten Sonderpreis „Niedergelassene Praxis und gesellschaftliches Engagement“. Er meistere dabei „organisatorische, wirtschaftliche und hygienische Hürden, um eine adäquate zahnmedizinische Behandlung durchführen zu können“, so die Jury.

Mit den Rollkoffern geht es über den Flur. Tanja Grzybinski weist den Weg. „Sie ist unsere gute Seele hier im Heim“, berichtet Jablonski. Die „gute Seele“ kennt auch den nächsten Patienten: Frau Winkler. Frau Winkler wartet bereits, bunte Socken strickend im Korbsessel sitzend, auf den Zahnarzt. Nicht alle Patienten im Altenpflegeheim sind bettlägerig. Bei seiner Routineuntersuchung eine Woche zuvor hat Jablonski bei Frau Winkler festgestellt, dass ihr eine Füllung fehlt.

Die bekommt sie heute ersetzt. „Bleiben Sie ruhig im Sessel sitzen“, sagt der Zahnarzt, „dann brauchen Sie nur noch den Kopf bequem nach hinten zu legen“. Gesagt, getan. Zehn Minuten später ist die Füllung im Zahn und mit dem mobilen UV-Strahler gehärtet. „Jetzt können Sie wieder Steine kauen“, scherzt Jablonski. Frau Winkler freut sich: „Das ist ein toller Service hier“, findet sie: „Das finde ich richtig gut, dass ich mir keine Gedanken darüber machen muss, wie ich zum Zahnarzt komme, sondern, dass er einfach zu mir kommt.“

60 Prozent können nicht in die Praxis kommen

60 Prozent der Menschen mit Pflegebedarf können laut Mundgesundheitsstudie nämlich nicht mehr eigenständig einen Zahnarztbesuch organisieren und selbstständig eine Zahnarztpraxis aufsuchen. Da springt Boris Jablonski ein: „Deshalb habe ich Kooperationsverträge mit zwei Altenpflegeheimen und besuche diese regelmäßig“, erklärt der 43-Jährige, der sich wünscht, dass seinem Beispiel mehr Kollegen folgen.

Denn so besagt es die Studie: Je früher und präventionsorientierter die zahnärztliche Versorgung stattfindet, desto langfristiger kann die Mundgesundheit im Alter erhalten werden. Als nächstes geht es für Jablonski zu Frau Maler. Die 95-Jährige ist neu im Heim. Der Marburger soll einen zahnärztlichen Befund erstellen. Bei der Kontrolle der Prothese fällt ihm auf, dass diese mit Zahnstein überdeckt ist und einer Reinigung bedarf.

Kurzerhand wird die mobile Praxis aufgeklappt, startklar gemacht und Zahnstein und Beläge an der Prothese und den Zähnen entfernt. Feine Wasserspritzer verteilen sich auf dem Zimmer­boden, der Bohrer quietscht auf den Kunststoffzähnen. Blitzblank poliert geht die Prothese zurück an die 95-jährige Heimbewohnerin.

Jablonski: "Mobile Einsätze machen Spaß"

Sie gehört zu dem einen Drittel der Menschen mit Pflegebedarf, die sich nicht mehr selbst um die richtige Pflege ihrer Zähne und Zahnprothesen kümmern kann und dafür Hilfe benötigt. Umso glücklicher ist sie über den Zahnarztbesuch und die professionelle Prothesenreinigung: „Jetzt kann ich Mittagessen gehen“, verkündet sie stolz, steht von der Bettkante auf und schiebt mit dem Rollator aus dem Raum.

Jablonski und Nuhn folgen der Seniorin wenige Minuten später mit den beiden Rollkoffern. Für sie geht es jetzt zurück zum Auto und anschließend zur Zahnarztpraxis. Dort warten weitere Patienten auf den Zahnarzt und die ZMA. Zudem muss die mobile Einheit das Hygieneprogramm durchlaufen, damit sie nachmittags wieder einsatzbereit ist. Seit zehn Jahren leitet der gebürtige Schwabe, der in Marburg Zahnmedizin studiert hat und dort mit Frau und Kind lebt, seine Praxis in Lollar.

„Auch wenn es anstrengend ist und viel Zeit kostet, machen die mobilen Einsätze unheimlich viel Spaß“, sagt Jablonski: „Und wenn die alten Menschen hinterher wieder lachen können, dann ist das ein guter Lohn für mich und zeigt mir: Der Aufwand ist es wert.“

von Katharina Kaufmann-Hirsch