Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Wünsche einer unheilbar Kranken
Marburg Wünsche einer unheilbar Kranken
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:28 29.12.2012
Es war ein Kraftakt – aber einer, der sich gelohnt hat. Die sterbenskranke Maria Langstroff hat ihren Bestseller „Mundtot“ im Pflegezimmer selbst eingelesen. Quelle: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag
Marburg

Sie wird jung sterben. Das weiß sie. Wie lange sie noch zu Leben hat, das weiß sie nicht. Die Ärzte haben aufgehört, Prognosen auszusprechen. Vielleicht einen Monat, vielleicht ein Jahr, vielleicht zwei, drei, vier Jahre. Fragt man sie nach ihren Wünschen für 2013, nennt sie nicht etwa Gesundheit oder Heilung. Sie fängt bei den kleinen Dingen des Lebens an. Eine Bratwurst essen - das würde ihr vorerst schon reichen. Stattdessen gibt es Karotten-Kürbis-Brei durch die Magensonde. Tag ein, Tag aus. Mit Genuss hat das wenig zu tun. Eher mit überleben. Und um das kämpft Maria Langstroff jeden Tag. Sie leidet an einer bisher nur wenig erforschten Muskelkrankheit, ist nahezu vollständig gelähmt.

Im Pflegeheim zur Bestseller-Autorin 

Ihr messerscharfer Verstand, ihr ungebrochener Lebenswille, ihre Kraft und ihr Mut, sich jeden Tag der Krankheit zu stellen, machen sie zu einer unbequemen Patientin. Eine, die sich zwar nicht selbst versorgen kann, die aber mitbestimmen will. Eine, die aus ihrem Bett in einem Pflegeheim in Gießen heraus einen Bestseller geschrieben und diesen in ihrem Krankenzimmer selbst eingelesen hat. Das Buch „Mundtot!? Wie ich lernte meine Stimme zu erheben. Eine sterbenskranke junge Frau erzählt“ sorgte 2012 für Aufsehen. Der Name der Marburger Studentin stand plötzlich auf den Spiegel-Bestseller-Listen. Fernsehteams belagerten ihr Pflegezimmer, Journalisten saßen an ihrem Bett. Fragten über das Leben und den Tod, über die Erfahrungen, die sie als Mensch mit Behinderung in der Gesellschaft gemacht hat. Und Maria Langstroff antwortete. Das, was sie zu sagen hat, ist nichts für Feiglinge. Sie kritisiert, sie klagt an. Ihre Stimme und ihr Verstand sind ihre stärksten Waffen. Ihre einzigen.

Das Buch selbst einzulesen - ein Herzenswunsch der 26-Jährigen. Zwei Wochen am Stück, acht Stunden am Tag. Mascara und Eyeliner für das Selbstbewusstsein, Trainingsstunden mit der Logopädin für die Stimme, ein „Bitte nicht stören-Schild“ an der Tür. Zwei Mitarbeiterinnen des Verlages Schwarzkopf und Schwarzkopf hielten die Texte, ausgedruckten in großen Buchstaben, hoch. Das Zimmer - nahezu dunkel. Helles Licht löst bei der 26-Jährigen Krampfanfälle aus. Sie muss die Buchstaben-Silhouetten Wort für Wort entziffern, liest vieles aus der Erinnerung. Verzichtet über Tage auf Schmerzmittel, um voll konzentriert zu sein.

Das Pflegezimmer wird zum professionellen Tonstudio. Die Geräusche des Alltags bleiben draußen. Die Geräusche der Geräte, an denen Maria Langstroff angeschlossen ist, jedoch nicht. Sie machen die Aufnahmen noch authentischer, noch bewegender. 600 Minuten sind es geworden. 600 Minuten, denen die behandelten Ärzte kritisch gegenüber standen. „Oh, Maria“, haben sie gesagt und die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Solch ein Kraftakt für solch einen geschwächten Körper. Aber Maria lässt sich nicht mehr stoppen. Wieso denn auch? Sie hat nur noch das bisschen Leben zu verlieren. Dieses bisschen Leben, in dem sie noch so vieles erreichen will.

Langstroff will noch einmal ans Meer

„Oh Maria“ haben die Ärzte auch gesagt, als sie ihnen die Pläne für 2013 unterbreitet hat. „Ich fahre ans Meer“. Nach Travemünde. „Ich will den Geruch des Lebens riechen.“ Sie will noch einmal gemeinsame Stunden mit ihrer Familie und einigen Freunden, zu denen mittlerweile auch die Mitarbeiter des Verlags zählen, verbringen. Ein Notarzt und Sanitäter werden sie begleiten, sie rund um die Uhr im Auge behalten. Bei ihrem letzten Urlaub in Travemünde saß sie im Rollstuhl, konnte selbst bestimmen, wohin sie fuhr. Jetzt wird sie liegend transportiert. Festgeschnallt, verkabelt, rund um die Uhr überwacht.

„Jeder sollte sich bewusst machen, dass er nicht unsterblich ist. Ich freue mich jeden Tag, die Augen wieder zu öffnen“, erklärt sie. Ihre Stimme ist fest. Energisch. Diese Botschaft hat sie schon vielen Menschen mit auf den Weg gegeben. Schülern, mit denen sie via Skype über ihr Buch und ihre Krankheit redet, Freunde, die sie besuchen, Journalisten, die über sie berichten. Wenn ihre Gesprächspartner hinter sich die Tür schließen, die Verbindung zum Internet trennen, bleibt Maria Langstroff allein zurück. Allein mit sich und ihren Gedanken, ihren Ängsten und Wünschen. „Es gibt Momente, in denen mich die Angst überkommt. Diese Momente kommen urplötzlich. Dann mache ich Musik an, die in eine andere Richtung geht und die ich mit Fröhlichkeit verbinde.“

Sie hat kleine Tricks und Ziele entwickelt, um durch den Alltag zu kommen. Eines davon ist, Spuren zu hinterlassen. Zeigen: „Ich war da, ich habe gelebt.“

„Ich möchte noch einige Prüfungen für mein Studium ablegen“, erklärt sie entschlossen. Und ein professionelles Fotoshooting absolvieren. Eines, das sie zeigt, wie sie ist: Krank, aber nicht schwach. Blass, aber nicht farblos. Eines ihrer kleineren Etappenziele wird die Silvesternacht sein. Die will sie gemeinsam mit ihrem besten Freund feiern. Mit Kinder-Bubble-Sekt und bescheidenen Wünschen für das Jahr 2013: „ Einmal noch eine Rostbratwurst essen“.

In diesem Video hören Sie einen Ausschnitt aus dem aufgenommenen Hörbuch:

von Marie Lisa Schulz