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Marburg Woody Allen schickt Kate Blanchett in den Ruin
Marburg Woody Allen schickt Kate Blanchett in den Ruin
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18:03 06.11.2013
Nach ihrem Absturz zieht Jasmine(Cate Blanchett, links) zu ihrer Schwester. Mit dem Arbeitermilieu will die Ex- Millionärin nichts zu tun haben. Wichtiger ist ihr ihre Designer-Handtasche.Foto: Warner
Marburg

Der Absturz könnte nicht deutlicher ausfallen. Hoch über den Wolken sitzt Cate Blanchett zu Beginn des Films „Blue Jasmine“ bei Schampus in der Ersten Klasse. Als das Flugzeug wenig später landet, illustriert das ihren gesellschaftlichen Abstieg: Die New Yorker Millionärsgattin ist pleite, ihr Ex-Mann als Anlagebetrüger aufgeflogen und im Gefängnis gestorben. Blanchett muss in der Rolle von Jasmine als ungebetener Gast bei ihrer Schwester (Sally Hawkins) einziehen. Jasmine hadert mit der Vergangenheit und verweigert sich zunächst der Zukunft. Filmemacher Allen übt sich in einer Prise Gesellschaftskritik, ohne zu sehr in Dramentiefen zu versinken.

Eindrucksvoll nutzt Blanchett den Freiraum, den ihr Regisseur Allen großzügig lässt. Phlegmatisch irrt sie umher – genießt das Leben in Saus und Braus und leitet dann ihren eigenen Ruin ein. Sie verschließt die Augen vor den kriminellen Machenschaften ihres Mannes und anschließend vor ihren prekären Verhältnissen.

Als sie von der amerikanischen Ost- an die Westküste nach San Francisco umsiedeln muss, sieht sie sich mit dem deftigen Arbeitermilieu konfrontiert, in dem ihre Schwester lebt. Der Clash der Welten dient Woody Allen zu seiner üblichen, leichtlebigen Situationskomik. Unverhoffte Blind Dates entpuppen sich als Reinfall, wenn Jasmine die Nase rümpft über den hemdsärmligen Mann ihr gegenüber. An die überteuerte Designertasche klammert sie sich wie an einen Rettungsanker. Alles an ihr ist Fassade, selbst ihren Namen hat die blauäugige Schönheit – eigentlich Jeanette – aus dem Song „Blue Jasmine“ übernommen.

Die Sympathien sind in dem Film klar verteilt: Handwerker und kleine Angestellte sind grundehrlich, während Anlagebetrüger Hal, formidabel großkotzig gespielt von Alec Baldwin, als skrupelloser Finanzhai daherkommt, der seiner bescheiden-kleinbürgerlichen Schwägerin und deren Mann das Geld aus der Tasche zieht. Auch seine Ehefrau Jasmine eignet sich in ihrer Mischung aus Desinteresse und Arroganz nicht als Identifikationsfigur. Das macht die Rolle ambivalent und für Blanchett umso reizvoller. Fast gönnt man ihr, dass sie endlich einmal auf die Nase fällt – und fiebert dann doch mit, wie sich ein zarter Hoffnungsschimmer auftut.

Doch Woody Allen ist trotz seiner längst weißen Haare von Altersmilde weit entfernt. Immer wieder verzichtet der inzwischen 77-Jährige auf ein klassisches Happy End und schickt seine Figuren stattdessen einem ungewissen Schicksal entgegen. Und so muss Blanchett am Ende keine herzzerreißenden Freudentränen vergießen, sondern torkelt weiter wie benommen durch das düstere Leben. Ihre Chancen auf einen Oscar dürfte das erhöhen.

Der Film läuft Filmkunsttheater Kammer.

Außerdem startet "Das große Heft"

Die literarische Vorlage zu diesem Film, Ágota Kristófs Roman „Le Grand Cahier“, wurde in fast 40 Sprachen übersetzt und mit einigen Preisen ausgezeichnet. Es geht um ein Zwillingspaar, 13 Jahre alt, das zum Ende des Zweiten Weltkriegs von der Mutter zur Großmutter kommt. Die Jungen ohne Namen haben es schwer bei der kaltherzigen, als Hexe verschrienen Großmama – sie müssen schuften, etliche Entbehrungen ertragen.

Ihre Erlebnisse halten die beiden in einem Schreibheft fest. Der ungarische Regisseur János Szász hat Filme gemacht wie „Woyzeck“ von 1994. Die Kamera führt Christian Berger, bekannt auch durch Michael Hanekes „Das weiße Band“.

Der Film läuft im Filmkunsttheater Palette.

von Wolf von Dewitz

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