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Marburg Neue Wohngebiete: Lahnberge im Fokus
Marburg Neue Wohngebiete: Lahnberge im Fokus
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20:00 21.09.2018
Platz für bis zu 900 Neu-Bewohner: Auf dem Hasenkopf in Ockershausen könnte ein neues Wohngebiet entstehen. Der Ortsbeirat signalisiert jedenfalls seine Zustimmung. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Alternativen zu den vom Magistrat favorisierten Flächen in der Marbach und in Ockershausen wären laut Grünen-Fraktion das Gebiet nördlich des Ortskerns von Gisselberg und westlich, entlang der Umgehungsstraße in Cappel. Beide Areale „bieten aufgrund ihrer innenstadtnahen Lage, in großem Maße vorhandener Flächen, ihren gewachsenen Ortsstrukturen und ihrer, auch ­topografisch günstigen und unkomplizierten Erreichbarkeit hervorragende Bedingungen für eine behutsame Intensivierung des Wohnungsbaus“, heißt es in einem Antrag an das Stadtparlament. Vor allem für Gisselberg könnte diese Erweiterung einen „wichtigen Beitrag leisten, um sich an die Kernstadt anzunähern“ – etwa durch eine Verbesserung der Busanbindung –
ohne die dörfliche Struktur zu verletzen.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) bezeichnete die Freifläche zwischen Gisselberg und Südspange hingegen zuletzt als „die letzte Möglichkeit, Gewerbetreibenden noch angemessene Angebote machen zu können“. Das Gebiet solle daher für Firmenansiedlungen oder Firmenerweiterungen reserviert bleiben.

Die Grünen setzen auch auf die alte Universitätsbibliothek, die Philosophische Fakultät und das in UKGM-Besitz befindliche Schwesternwohnheim in der Wilhelm-Röpke-Straße. Das könnte zu einem Mischgebiet entwickelt werden – eine Gegend mit Nutzungsmöglichkeiten wie etwa Wohnen und Arbeiten. Die Wohngebiets-Vision für Alt-UB und Philfak, die Gewobau-Chef Jürgen Rausch Anfang des Jahres vorantrieb, wurde kürzlich von Universitätskanzler Friedhelm Nonne eingebremst: Die Philipps-Universität plane auch nach Auszug der UB und einer Aufgabe der Lehr-Türme noch eine jahrelange Nutzung des Gebiets.

Bewohnerwachstum: OB verweist auf Zeitdruck

OB Spies verweist ohnehin auf die grundsätzlich zu lange Wartezeit was eine mögliche Wohngebietsentwicklung an dem Standort angehe. Während am Oberen Rotenberg und am ­Hasenkopf in fünf bis sieben Jahren Häuser stehen könnten,­ werde es beim Philfak-Areal mindestens so lange dauern, um überhaupt erste Planungen beginnen zu können. Das alles vor dem Hintergrund, dass bis zum Jahr 2030 laut Regierungspräsidiums-Prognosen mindestens 3.000 Menschen mehr in Marburg leben werden.

Die FDP/MBL-Fraktion fordert unterdessen eine „Bebauung auf den Lahnbergen ergebnisoffen zu prüfen“. Verkehrsverschärfung, Klimaschutz und Naherholung: Viele der Wohngebiets-Gegenargumente, die von Ockershäusern und Marbachern für Rotenberg und ­Hasenkopf geäußert werden, würden dort „entfallen“. Wohnbebauung auf den Lahnbergen­ wäre „sowohl für Bedienstete der Universität als auch für ­Studenten wegen der Nähe zum ­Arbeitsplatz attraktiv“, heißt es in einem Antrag an die Stadtverordnetenversammlung.

Die Piratenpartei setzt ebenfalls auf die Lahnberge. So solle etwa die Alte Chemie für Wohn- und Wissenschaftszwecke umgebaut werden. Neben Apartments solle ein „Science Park“ entstehen. Denn anders als bei den vom Magistrat vorgesehenen Baugebieten am Hasenkopf und Rotenberg würde ein Wohngebiet auf den Lahnbergen, das bevorzugt von den dort Studierenden und arbeitenden Menschen bewohnt werde, „das Verkehrsaufkommen in der Innenstadt durch Reduktion des Pendelverkehrs auf und von den Lahnbergen deutlich vermindern“, sagt Dr. Michael Weber, Stadtverordneter. Ein mit Wohnungsbau kombinierter Wissenschafts-Park solle Firmengründer, auch offene Werkstätten mit innovativen Technologiekonzepten in unmittelbarer Nähe der Universität platzieren und somit „für eine Belebung des Wissenschafts- und Innovationsstandortes Marburg sorgen“ könnte – vor allem in den Bereichen ­Medizin, Biotechnologie und Software-Entwicklung.

Ex-Kommunalpolitiker setzt auf Sonnenblick

Seit Monaten werden Stimmen laut – zuletzt während der Ortsbeiratssitzungen Ockershausen und Marbach – dass auf den Lahnbergen, etwa das Gebiet zwischen Sonnenblick und ­Beltershäuser Straße in den ­Fokus der Wohngebietsplanung rückt.
„Allein die Anordnung der vorhandenen Infrastruktur links der Lahn würde schon zu einer Entlastung der Innenstadt führen“, sagt etwa Ex-Kommunalpolitiker Reinhold Drusel. Und es würde den Druck auf Rotenberg, Hoher Leuchte, Ketzerbach, Graf-von-Staufenberg-Straße und Ortskern Ockershausen nicht weiter erhöhen.

Tenor: Zumindest Studentenwohnheime müssten dort, wo die Universität und somit die Studentenzahl wächst, gebaut werden. Der Magistrat scheut den Ausbau, die Errichtung ­eines Stadtteils Lahnberge jedoch seit Jahren. In der Vergangenheit gab es Befürchtungen, dass dort eine Satellitenstadt entsteht, ein von der Kernstadt abgekoppeltes Gebiet. Zuletzt argumentierten OB und Stadtplanung vor allem mit den Millionenkosten für ein Infrastruktur-Projekt der Größenordnung Richtsberg: Denn neben Wohnhäusern müssten auch Kinderbetreuungseinrichtungen, Schulen, Versorgungsleitungen, Supermärkte, Straßenanbindungen und Nahverkehrsaspekte umgesetzt werden.
Bauausschuss heute ab 18 Uhr im Bauamt, Barfüßerstraße 11.

von Björn Wisker