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Marburg Naturschützer wollen Wiesen statt Beton
Marburg Naturschützer wollen Wiesen statt Beton
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16:00 30.09.2018
Der BUND will die Versiegelung von Grünflächen sowohl am Rotenberg als auch am Hasenkopf vermeiden. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Der Naturschutz­verband BUND hat eine seitenlange Anti-Baugebiete-Stellungnahme verfasst. Die Hauptkritikpunkte: Die Stadt plane mit den Baugebieten die „Zerstörung eines großflächigen Grünlandbiotops“, die „Beseitigung von Boden und des Naturpotenzials“. Das Ganze in Zeiten des Insektensterbens, der Bedrohung von Vogelarten und obwohl die Stadtplaner „keinen Nachweis eines unabweisbaren Bedarfs für die Inanspruchnahme neuer Bauflächen im Außenbereich“ lieferten. Dabei könnte die Alterung der Gesellschaft die auf Wiesen geplanten Neubaugebiete „entbehrlich werden lassen“.

Der BUND fordert einen sofortigen Planungsstopp, will eine maximale Nachverdichtung in der Kernstadt und einen „gleichwertigen Fokus“ auf die Außenstadtteile, bevor in Stadtrandlagen wie Rotenberg oder Hasenkopf Naherholungsgebiete „versiegelt, also zubetoniert und für immer für eine natürliche Nutzung verloren gehen“ würden, wie etwa Henner Gonnermann während der Sitzung des Runden Tischs „Preiswerter Wohnraum“ sagt.

Stadtplanung: Mehr "Durchgrünung" als je zuvor

„Versiegelung wird durch die Gebäude passieren, aber es ist mehr Durchgrünung der Gebiete vorgesehen als je zuvor bei Bauvorhaben“, entgegnet Monika Brüning vom Fachdienst Stadtplanung im Hinblick auf die Erschaffung von Grün- und Parkanlagen innerhalb der Wohngebiete. Pro Hektar sollen nach der städtischen Kalkulation etwa 35 Wohnungen entstehen – Platz für bis zu 900 Neu-Bewohner am Hasenkopf und mehr als 500 am Rotenberg. Grundsätzlich wolle man „so wenig Boden wie möglich verbrauchen. Aber wenn man einen Mix der Wohnformen, nicht nur Geschosswohnungsbau will, wird dafür eine gewisse Fläche benötigt.“

„Hohe Wohntürme rauben weniger Grünfläche als flache Einfamilienhäuser. Versiegelung von Wiesen und Äckern, die bestmögliche Ausnutzung der Flächen und somit etwaige Auswirkungen auf das Stadtbild sind daher entscheidende Fragen, auf die es bisher unzureichende Antworten gibt“, sagt Peter Hauswald mit dem Verweis auf die für November vorgesehene Parlamentsentscheidung dazu, ob zuerst der Hasenkopf oder der Obere Rotenberg bebaut werden soll.

Spies hält Versiegelungskritik für "nicht stichhaltig"

Nach den Stellungnahmen der Ortsbeiräte ist die Tendenz recht eindeutig: Während das Ockershäuser Gremium – unter Bedingungen – der Errichtung von Hunderten Apartments am Stadtwald prinzipiell zustimmt, lehnt man in der Marbach das Baugebiet „zum jetzigen Zeitpunkt“ ab (OP berichtete).

Die Versiegelungskritik hält Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) für „nicht stichhaltig“. Denn: Wer ein Einfamilienhaus bauen wolle, werde dies früher oder später auch tun – nur eben aufgrund der seit Jahren mangelnden Flächenangebote nicht in Marburg. „Versiegelungsfolgen, Umwelt- und Klimafragen kann man nicht beschränkt auf ein kleines Gebiet, auf die Stadt sehen.“ Wenn man den Menschen in der Universitätsstadt die Möglichkeit zum Häuserbau nicht gebe, „dann bauen sie eventuell in Dautphetal-Warzenbach und versiegeln dort genauso viel, eher sogar mehr Fläche“, sagt Spies mit Verweis auf geringere Preise und größere Grundstücke.

OB: „Es wird eher beide Gebiete brauchen“

Plus: Eine „hier-darf-keiner-mehr-hin-Haltung“ führe angesichts des dann automatisch zunehmenden Autoverkehrs aus dem Umland in die Stadt auch zu „größeren ökologischen Schäden“, als wenn Neubewohner in der Stadt eine Nahverkehrsinfrastruktur zumindest theoretisch nutzen könnten. Denn eine ÖPNV-Anbindung aus dem Landkreis werde – selbst wenn irgendwann ein massiver Ausbau geschehe – „nie gleichwertig oder gar besser sein als in Marburg“, sagt Spies.

Die vom BUND wie auch anderen Mitgliedern des Runden Tischs „Preiswerter Wohnraum“ vorgetragenen grundsätzlichen Zweifel am steigenden Wohnraumbedarf weist Spies in Anlehnung an die Bevölkerungsprognose des Regierungspräsidiums – 3.000 Neubewohner bis zum Jahr 2030 – zurück: „Es wird eher beide Gebiete als nur eines brauchen.“

von Björn Wisker