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Marburg Wirbel um den „Holländer“
Marburg Wirbel um den „Holländer“
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18:08 24.07.2012
Blick auf das Festspielhaus in Bayreuth: Am Mittwoch starten dort die Bayreuther Wagner-Festspiele 2012. Foto: Daniel Karmann Quelle: Daniel Karmann
Bayreuth

Eigentlich hatte sich in diesem Jahr eine harmonische Festspielzeit abgezeichnet. Doch nun herrscht vor dem heutigen Start der Bayreuther Festspiele große Aufregung am Grünen Hügel: Der Sänger der Titelpartie für die Eröffnungspremiere „Der Fliegende Holländer“ ist abgereist. Evgeny Nikitin, früher Mitglied einer Metal-Band, ließ sich einst in jungen Jahren Tattoos mit Nazi-Symbolik stechen. Nun erklärte er nur wenige Tage vor dem Festspielstart: „Mir war die Tragweite der Irritationen und Verletzungen nicht bewusst, die diese Zeichen und Symbole besonders in Bayreuth und im Kontext der Festspielgeschichte auslösen“ (die OP berichtete am Montag).

Immerhin: Binnen weniger Stunden präsentierten die Festspielverantwortlichen einen neuen Holländer - Samuel Youn, Bassbariton aus Südkorea. Der stand im Festspielhaus sowieso schon parat, weil er für eine kleine Rolle im „Lohengrin“ und als „Holländer“-Zweitbesetzung vorgesehen war.

Am Pult steht Christian Thielemann, der sich den Ruf eines Bayreuther Hausdirigenten erarbeitet hat. Er fungiert auch als musikalischer Berater der Festspiel-Chefinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier. Da wird nicht viel schiefgehen.

Regie führt der 31 Jahre alte Jan Philipp Gloger. Der „Holländer“ ist erst seine dritte Operninszenierung. Eine Premiere in Bayreuth ist stets der strengen Kritik ausgesetzt. Gloger gibt sich nicht als Regie-Rabauke, aber auch nicht als bewusst zahmer Regisseur: Provokation als Selbstzweck interessiere ihn nicht, sagte er. „Ich versuche, so persönlich und aufrichtig wie möglich meine Geschichte zu erzählen und muss mich dabei ganz frei aller künstlerischen Mittel bedienen dürfen. Ob das nun provoziert oder nicht, das sei anderen überlassen. Theater in Kategorien von „provokant“ oder „nicht provokant“ zu denken, ist mir ganz fern.“

Gezeigt wird in Bayreuth auch die Wiederaufnahme der „Tannhäuser“-Produktion von 2011. Regisseur Sebastian Baumgarten ließ eine Biogasanlage auf der Bühne installieren, die Kritik an der Inszenierung war groß. In diesem Jahr auch wieder auf dem Spielplan: Hans Neuenfels’ „Lohengrin“. Im Vorjahr sind Klaus Florian Vogt als Schwanenritter und Annette Dasch als Elsa zum Bayreuther Traumpaar avanciert - sie sind auch dieses Mal wieder zu sehen.

Ein Jahr voller Turbulenzen wird hinter der Festspielleitung liegen, wenn sich heute die von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) angeführte Prominentenriege versammelt. Der Bundesrechnungshof hatte die Kartenvergabe in Bayreuth heftig gerügt, weil für ein subventioniertes Haus zu wenig Karten in den freien Verkauf kämen. Sogar die Staatsanwaltschaft ermittelte. Das Verfahren ist inzwischen eingestellt. Das Vergabesystem für die begehrten Tickets ist überarbeitet worden.

Immer neue Gerüchte über Misswirtschaft

Gleichwohl kursierten immer neue Gerüchte über angebliche Misswirtschaft. Es gestaltete sich als schwieriges Unterfangen, nach den vielen Jahren unter der Führung von Wolfgang Wagner der Kulturstätte transparente Verwaltungsstrukturen zu geben. Bis zu seinem Abdanken war Wagner alleiniger Herr am Grünen Hügel. Jetzt reden über den Verwaltungsrat der Bund, der Freistaat Bayern, die Stadt Bayreuth und die Mäzenatenvereinigung Gesellschaft der Freunde von Bayreuth mit.

Es ist das Jahr vor dem großen Jubiläum. 2013, zum 200. Geburtstag und 130. Todestag Richard Wagners, präsentieren die Bayreuther Festspiele einen neuen „Ring“. Die Klassikwelt wird nach Oberfranken blicken und schauen, was die vom Komponisten einst selbst initiierten Festspiele aus dem Jubiläum machen.

Der als Stückezertrümmerer bekanntgewordene Regisseur Frank Castorf - Intendant der Volksbühne in Berlin - wird die Tetralogie „Ring des Nibelungen“ inszenieren.

von Kathrin Zeilmann

Reaktionen

Umbesetzung„verlogen“

Nach dem erzwungenen Rückzug des Sängers Evgeny Nikitin bei den Bayreuther Festspielen wegen Nazi-Tattoos stehen die Wagner-Schwestern und das Management des Bassbaritons in der Kritik. Der Münchner Staatsopernintendant Nikolaus Bachler warf den Festivalleiterinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier Verlogenheit vor. Der 38-jährige Russe hatte am Samstag – vier Tage vor der Eröffnungspremiere – auf Druck der Festspielleitung die „Holländer“-Titelpartie zurückgegeben. Zuvor war bekanntgeworden, dass er sich in seiner Jugend als Mitglied einer Heavy-Metal-Band Nazi-Tattoos auf den Oberkörper stechen ließ.

„Ich sehe in der Causa Nikitin zunächst mehr ein Problem Bayreuths und der Wagner-Familie als eines des Sängers“, sagte dazu Bachler. „Dass die Torheit eines 16-jährigen Rocksängers, der diese längst bereut und versucht hat, ungeschehen zu machen, ausgerechnet nun von der Wagner-Familie geahndet wird, finde ich verlogen.“ Nikitin habe den Vorfall bedauert und Reue gezeigt. „Eine Reue, die ich von der Familie Wagner in den letzten 50 Jahren nie vernommen habe.“

Dirigent Christian Thielemann – er leitet die Neuinszenierung der Oper „Der Fliegende Holländer“ – verteidigte hingegen die Auswechslung Nikitins. Er kritisierte das Management des gefeierten Bassbaritons. „Wie kann man einen Sänger so ins Messer laufen lassen? Ein Hakenkreuz geht nie, nicht nur in Bayreuth! Das geht auch in Australien nicht!“ (dpa)

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