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„Wir müssen Sand im Getriebe sein“

Urban Priol in der Stdathalle Marburg „Wir müssen Sand im Getriebe sein“

„Dauernd. Ständisch könnt isch misch aufrege.“ Kein Wunder, dass ihm die Haare immer zu Berge stehen. Urban Priol ist die Aufregung in Person. Am Samstag war er zu Gast in Marburg.

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Wirre Frisur, bunte Hemden und angesichts der vorherrschenden Politik immer auf 180: Urban Priol begeisterte seine Fans in der ausverkauften Stadthalle.Foto: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Ein Abend mit Urban Priol, das ist Speed-Kabarett. Ein Parforce-Ritt durch „gelebte Wirklichkeiten“ und das Dickicht der Politik, bei dem der Gag-Gong schneller schlägt, als sich „Tigerenten-Koalition“ aussprechen lässt. „Wie im Film“ heißt das neue Programm, mit dem Priol zu Gast in Marburg war und die Zuschauer in der ausverkauften Stadthalle bekamen Kabarett-Action in Überlänge geboten. „Halb zwölf“, lautete die Prognose des Tontechnikers vor dem Beginn des zweiten Teils. Gerade habe Priol noch ein paar neue Sätze ins Programm geschrieben. Und tatsächlich hält der seine Aufregung drei Stunden durch.

Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt Urban Priol dabei in gefühlt Nullkommanix. Auch von einem Dialekt in den anderen, von Angela Merkels Gestik in Helmut Kohls Stimme und wieder zurück. „Fipsi“ Rösler und die „Apple-Sekte“, „Renten-Uschi“ und die „Finanzdödel“ - alle bekommen sie ihr Fett weg. Wobei der Kanzlerin an jedem Abend, an dem Priol auftritt, ganz besonders die Ohren klingeln dürften. „The rock“ Merkel. „Bundessparmamsell“. Gemeinsam mit ihrer Bürochefin Beate Baumann kapere sie ein ganzes Volk aus Rache, weil beim Abiball keiner mit ihnen getanzt habe, vermutet der Kabarettist.

Um uns abzulenken, nehmen wir doch alles, stellt Priol fest: „‚Wetten, dass?‘, Syrien, brennende Botschaften“. Was das Volk brauche, das seien aber keine Beruhigungszäpfchen, das sei ein Einlauf. Wir glaubten, der Gipfel der Gleichberechtigung sei erreicht, wenn in Texten stehe: „der Mond/die Mondin“? Warum protestierten Frauen in Sachen Lohngerechtigkeit nicht nach arabischem Vorbild, Pumps und Stilettos schwenkend („Merkel, wir wissen, wo Dein Flieger steht“), wundert sich Urban Priol.

Pest oder Cholera?: „Könnt isch beides ham?“

Habe der Deutsche die Wahl zwischen Pest und Cholera, laute seine Frage: „Könnt isch beides ham?“. Und gebe es zu wenig Grippeimpstoff, dann werde eine andere Lösung gefunden, Antiobiotika im Geflügel sei Dank: „Wenn’s im Hals kratzt, hol isch mir e halbes Hähnsche.“

Den duldsamen Bürger, der meint, auch eine kaputte Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit an, den mimt Priol ebenso herrlich überzogen, wie er Prominente auf den Punkt parodiert. Und in seiner kabarettistischen Hatz geht es nicht nur in der Politik über Stock und unter Steine: Homeshopping-Sender? Ein „offener Feldversuch der geschlossenen Psychiatrie“. „Astro-TV“? Sendet aus dem Knast, vermutet er: Wer da Tarotkarten lege, sei nicht mehr in die Gesellschaft zu integrieren. Zwischendurch ruft dann noch seine Tochter auf dem Handy an und braucht Hilfe bei den Deutsch-Aufgaben und dass es einen heimlichen Bunker gebe, in dem laufend bürokratische Wortungetüme erfunden würden, die einem an der frischen Luft nie einfallen würden.

Priol erklärt dem Publikum, dass es so viel verdiene wie vor 20 Jahren und so glücklich sei wie vor zehn. „So ein Land könnte auch von einem Hydrant regiert werden.“ Seine Botschaft des Abends: „Wir müssen Sand im Getriebe sein.“

Urban Priol hat da auch gleich Vorschläge. Ein Schreiben vom Amt mit einem Haftnotizzettel versehen: „Drücken Sie sich bitte in einem allgemein verständlichen Deutsch aus“ - und zurückschicken. Knöllchen nicht wie gewohnt ignorieren, sondern sofort bezahlen, mit der Bitte um drei Prozent Skonto. Oder jemandem im Finanzamt fünf Euro in die Hand drücken und behaupten, die habe man auf dem Flur gefunden.

So viel Kreativität wird belohnt. Das Publikum klatschte enthusiastisch Beifall, ließ den Kabarettisten nicht ohne Zugabe von der Bühne und bekam seinerseits Priols Dank ausgesprochen, dass sich so viele an einem verkaufsoffenen Samstag eingefunden hatten. Im Anschluss an die Vorstellung könnte man sich doch ins prickelnde Marburger Nachtleben stürzen und zum Beispiel fünf Getränke zum Preis von acht nehmen und nur zwei davon trinken? Als Anspielung auf seine zuvor zitierte Lieblingsszene aus „James Bond“ verkauft er uns das als unsere Pflicht: „Für unser Land. Für England, James!“.

von Nadja Schwarzwäller

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